Der Zweifel als Kirchenvater

Von Günther Mack

Das Jubiläum des Wittenbergers hat die Bibliotheken mit reichlich fünfhundert Luther-Titeln überflutet, mehr als 200 davon erschienen in der DDR. Dieselben Autoren legen derzeit letzte Hand an eine Analyse der mitverursachten Bücherschwemme. Beiträge „über den theologischen Ertrag des Luther-Jubiläums“ sind spätestens zum eigentlichen Gedenktag am 10. November fällig. Hinzu kommt jetzt eine dritte Gruppe artverwandter Publikationen: Bücher, die das unerwartete Interesse am Reformator auf angrenzende oder eigene Felder umzulenken trachten.

Zur letzten Gruppe ist der Band zu rechnen, der vom Tübinger Theologen und Historiker Klaus Scholder und seinem Assistenten Dieter Kleinmann vorgelegt wird:

Klaus Scholder, Dieter Kleinmann (Hrsg.): „Protestantische Profile. Lebensbilder aus fünf Jahrhunderten“; Athenäum-Verlag 1983, 416 S., 48,– DM.

Die Herausgeber liefern ein Vorwort mit wenigen Stichworten zum Begriff „Protestantismus“, kaum mehr als das Minimum, das nötig ist, um mit dem kantigen wie schillernden Wort zurechtzukommen. Am besten gelingt stets die Erinnerung an dessen historischen Ursprung, als die lutherischen Fürsten und Reichsstänae 1529 vor dem 2. Reichstag in Speyer von dem Rechtsmittel der „Protestation“ Gebrauch machten, sich gegen die kaiserliche Religionspolitik verwahrten und bekundeten, daß In Sachen von Gottes Ehre und der Seelen Seligkeit Jeder für sich selbst vor Gott stehen und Rechenschaft geben müsse.

Die von hier ausgehenden Impulse – vermengt mit zahlreichen anderen – haben europäische Geschichte geprägt, Kulturen geschaffen, Strukturen zerstört, Menschen getröstet und Atheisten gezeugt – kein Schritt in die Moderne, der nicht der Wirkungsgeschichte des Protestantismus zugerechnet worden ist. Das soll anhand von 25 vorgestellten Protestanten deutlich gemacht werden.