Kurt Sontheimers Plädoyer für die alte Politik

Von Christian Graf von Krockow

Unter den professionellen Wetterbeobachtern gibt es Katastrophiker und Normologen. Die einen, rekordsüchtig, sprechen vom heißesten Sommer oder vom schlimmsten Schneesturm seit Menschengedenken. Die anderen wiegeln ab: alles wie gehabt, Abweichung vom langjährigen Mittelwert um allenfalls 2,3 Prozent. Unter den professionellen Politikbeobachtern gehört Kurt Sontheimer, das zeigt sein neues Buch, zu den entschiedenen Normologen.

Kein epochaler Umbruch kündigt sich an, kein „Ende“, sofern wir es nicht mit der radikalen „Wende“ probieren. Ohnehin drängen die Bürger, wenn sie schon in Panik geraten, zur Mitte statt – wie in Weimar – zu den Extremen; alle stehen ehern auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Daher kann man, allenfalls mit den Kurskorrekturen, die zum liberalen System gehören, bei der alten Politik bleiben, statt abenteuerlich auf eine alternative sich einzulassen.

Sontheimer zitiert Hans Magnus Enzensberger: „Diese Politik der Mittelmäßigkeit, diese Protnesenpolitik des Sichdurchwursteins, die ja keineswegs nur in unserer unmittelbaren Umgebung an der Tagesordnung ist – oder gibt es auch nur eine einzige Gesellschaft auf der Welt, die der Zukunft anders als auf Krücken entgegenstolpert? –, hat schon manchen zu der Annahme verleitet, ein gut gezielter Fußtritt wäre genug, um die „Verhältnisse‘ zum Einsturz zu bringen, so daß der Errichtung einer Schönen Neuen Welt nichts mehr entgegenstünde. Die Erfahrung lehrt, daß dies leider ein Trugschluß ist.“

Und Sontheimer fährt fort: „Dieses Buch handelt vom Geist und der Befindlichkeit der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Politik in den siebziger und den angefangenen achtziger Jahren, von Aufbruch und Ernüchterung, von Utopie und Enttäuschung, von Neuorientierung und Tendenzwende, vom Auseinanderdriften und vom Zusammenprall zwischen alter und neuer Politik. Es richtet sein Augenmerk – wenn ich mich der bildhaften Sprache des oben zitierten ironischen Skeptikers bedienen darf, dessen literarisches Werk für die deutsche Unruhe dieser Jahre so ungemein typisch ist – weniger auf die Krücken, mit denen sich die normale Politik fortbewegt, als vielmehr auf die Ideen, Stimmungen und Tendenzen, die dazu beigetragen haben, es wieder einmal mit der Politik der ,Fußtritte‘ versuchen zu wollen. Sein Autor ist überzeugt, daß es nicht nur ein Trugschluß ist zu glauben, damit käme man der Rettung der Welt und ihrer Besserung näher, sondern auch ein Trugschluß ist zu meinen, wir stünden an der Wende der Zeiten und könnten darum unsere Prothesen von uns werfen, Vielleicht können wir sie verbessern, damit sie weniger schmerzen, vielleicht auch hie und da, wenn die Umstände günstig sind, den aufrechten Gang versuchen, aber ein neues Jerusalem ist sowenig in Sicht wie ein neues Ninive.“

Dergleichen mag bei vielen den konditionierten „Aha“-Reflex auslösen: unverbesserlich konservativ, Beschwichtigung; es lohnt sich nicht, weiter zu lesen und noch hinzuhören. Doch so einfach sollte man es sich nicht machen. Sontheimer ist aus intimer Katastrophenkenntnis zum Normologen geworden; mit geschichtlichen Erfahrungen gewappnet, will er uns warnen.