MANUELA REICHART: Wenn man den Titel Ihres Romans "Die dreizehnte Fee" liest, denkt man zuerst einmal an eine Märchengeschichte; haben Sie das gewollt?

KATJA BEHRENS: Ich habe an das Dornröschen-Märchen gedacht und daran, daß eine der Figuren in dem Roman, das Kind Anna, die Verhältnisse in ihrer Wohnung so empfindet, als sei da ein Fluch über der Familie, als sei da eine dreizehnte Fee irgendwann gekommen und hätte die Wohnung, in der sie mit Mutter und Großmutter lebt, verwunschen, verzaubert. Das Kind Anna, nicht die Autorin, wartet darauf, daß eines Tages ein Prinz kommt und sie erlöst, daß sich die Dornenhecke wie im Märchen öffnet, die Schläfrigkeit, die sie im Zusammenleben mit Mutter und Großmutter empfindet, sich durch einen Kuß verändert. Aber meine Vorstellung als Autorin ist, daß das Kind im Laufe seines Älterwerdens begreift, daß nicht nur der Prinz niemals kommen wird, sondern daß auch sie selber den Weg aus der Dornenhecke herausfinden muß, daß dann draußen vielleicht jemand ist, der mit ihr weitergeht, aber, daß sie es ist, die das schlafende Schloß und sich selber zum Leben erwecken, den Weg aus den Dornen herausfinden muß.

Sie erzählen die Geschichte einer Familie, die nur aus Frauen besteht; die Männer kommen eigentlich nur am Rande vor, als ferne Prinzen, als Projektionsfiguren.

Nein, so habe ich sie nicht verstanden. Es gibt bei den beiden erwachsenen Frauen jeweils einen Mann, der in ihrem Leben eine große Rolle spielt. Aber es ist so, daß ich in weiten Teilen aus der Perspektive des Kindes erzähle, und das Kind hat diese beiden Männer niemals erlebt, sondern immer nur Mutter und Großmutter von den Männern reden hören, sich ein Bild von diesen Männern also nur durch Worte und nicht durch Anschauung, Gerüche, Anfassen, eigenen Kontakt machen können. Während für mich als Autorin die beiden wichtigen Männer, die im Roman vorkommen, aber keineswegs nur Projektionsfiguren sind, sondern lebendige Gestalten.

Trotzdem, wenn ich Ihre Geschichte lese, lese, ich auch davon, das es zwischen Männern und Frauen eigentlich nicht gutgehen kann, daß Liebe immer ein Augenblicksglück ist, eines, das zu großen Hoffnungen Anlaß gibt, daß aber in dem Moment, wo die Situation legalisiert, festgeschrieben wird, dieses Glück scheitert.

Was an Liebe ist zwischen meinen Figuren, ist aber nicht das, was Liebe überhaupt ist, auch nicht das, was ich mir unter Liebe vorstelle, sondern eine Form der Liebe, die bei diesen Figuren auch sehr viel mit Brauchen zu tun hat, mit Unselbständigkeit, mit Ohnmachtsgefühlen, die sich auch deswegen gar nicht entwickeln kann. Wenn man sich immerzu ohnmächtig fühlt, immerzu Angst haben muß: der andere geht weg, dann kann man ihn nicht wirklich lieben.

Das fängt an mit Marie, Anfang dieses Jahrhunderts, die befürchten muß, daß der Vater ihres unehelichen Kindes sie sitzenläßt, die deshalb immer wieder an ihm zerren muß, einfach aus Angst, daß sie dann ganz allein ist mit diesem Makel. Wir können uns das heute gar nicht mehr vorstellen, was das einmal bedeutet hat, ein uneheliches Kind zu haben und eine Ausgestoßene zu sein. Wobei bei meinen Figuren noch hinzukommt, daß es eine jüdische Familie ist, die dann quasi mit einem doppelten "Makel" behaftet ist.