Waren die Ufos mehr als bloße Phantasiegebilde und würden ihre Besatzungen Informationen über die Erde an einen fremden Stern funken, so wäre leicht vorstellbar, wie der Report über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft im Telegrammstil lauten würde: „Ein Zusammenschluß von zehn Staaten zur Subventionierung der Landwirtschaft nach einheitlichen Richtlinien. Produziert gewaltige Überschüsse an Nahrungsmitteln, die zu hohen Kosten eingelagert, systematisch wieder vernichtet oder zu Schleuderpreisen auf dem Weltmarkt verramscht werden. Ziel dieser Aktionen ist es offenbar, die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung zu stören; die Schwierigkeiten der Entwicklungsländer zu vergrößern; die Fehlschläge der Agrarbürokraten in den sozialistischen Ländern durch die Lieferung künstlich verbilligter Lebensmittel zu kaschieren.

Die Nachrichten von der Sitzung des Europäischen Ministerrates in Athen würden die Beobachter in den Ufos wohl kaum dazu bringen, ihren Report zu korrigieren. Zwar wollen die Außen- und Finanzminister das wahnwitzige Subventionssystem der Brüsseler Eurokraten „überprüfen“. Es besteht aber so gut wie keine Chance, daß es wirklich reformiert wird. Dazu wäre soviel politischer Mut notwendig, wie ihn von allen beteiligten Regierungen heute allenfalls die britische besitzt. wenn von Reformen geredet wird, dann geht es allenfalls darum, eine weitere Kostenexplosion zu verhindern.

Die Folgen können nur absurd sein. Die Europäische Gemeinschaft mit ihren rund 260 Millionen Einwohnern verfügt in diesem Jahr über einen gemeinschaftlichen Etat von sechzig Milliarden Mark (das ist nicht einmal ein Viertel des Bonner Haushalts). Zwei Drittel, nämlich vierzig Milliarden Mark, aus dieser ohnehin nicht üppig gefüllten Kasse gehen für die Finanzierung der europäischen Agrarpolitik drauf. Würden die Vorschläge der EG-Kommission zur „Reform“ der bisherigen Landwirtschaftspolitik realisiert, würden in Europas selbstgeschaffener grüner Hölle nach Berechnungen des nordrhein-westfälischen Finanzministers Posser weitere 24 Milliarden Mark verbrannt.

Unter diesen Umständen müssen nicht nur Beobachter von einem fremden Stern, sondern auch alle anderen, die nichts über die Entstehungsgeschichte der Europäischen Gemeinschaft und die weitgesteckten Ziele ihrer Gründer wissen, zu dem Ergebnis kommen, daß Brüssel nichts anderes als die Hauptstadt einer Agrokratie ist.

Daß es sich bei der EG im wesentlichen um den Zusammenschluß von Staaten handelt, die zu den führenden Industrienationen der Welt gehören (wollen) und sich im Wettkampf um die Beherrschung der Spitzentechnologien behaupten müssen, läßt sich weder an der Struktur des EG-Etats ablesen noch an den Themen erkennen, die im Ministerrat die hitzigsten Debatten auslösen.

Dabei gäbe es genug Fragen und Sorgen, die Kommission und Ministerrat mehr beschäftigen müßten – eine gemeinsame Forschungspolitik zum Beispiel, damit Europa in so wichtigen Bereichen wie Mikroelektronik oder Biotechnologie von Amerikanern und Japanern nicht hoffnungslos abgehängt wird. Einer sehr ernsthaften Debatte wäre es auch wert, wie der überaus kostspielige und zugleich völlig sinnlose Subventionswettlauf in Europa gestoppt werden könnte. Geradezu makaber ist es, wie vergleichsweise nebensächlich das Schicksal der über zwölf Millionen Arbeitslosen in der EG behandelt wird.

Die acht Millionen Bauern und der Milchpreis sind allemal wichtiger als derartige Probleme.

Michael Jungblut