Dreihundertjahrfeier in Philadelphia: eine vertane Chance

Von Theo Sommer

Familienfeiern werden leicht zu Festen der Verlegenheit – und manchmal der Verlogenheit. Bloß keine unangenehmen Wahrheiten aussprechen, um Gottes willen keine heißen Eisen, anrühren, brav bei unanstößigen Plattheiten bleiben – die Dreihundertjahrfeier der ersten deutschen Auswanderung nach Amerika ist in der vorigen Woche im pennsylvanischen Philadelphia nach eben diesem Motto ausgerichtet worden. Rundgeschliffene Heuchelei war Trumpf. An den Buchsbäumen blühte das falsche Pathos. Zuckerguß in den deutschen und amerikanischen Nationalfarben bedeckte die Jubiläumstorten beim Gala-Bankett; Zuckerguß in den Festreden verdeckte die Wirklichkeit.

Wirklichkeit ist: Die Bundesrepublik ist unter dem militärischen Schutz der Amerikaner, mit der wirtschaftlichen Hilfe Washingtons und mit seiner politischen Unterstützung ins Leben getreten. Sie verdankt den Vereinigten Staaten ihr Uberleben in Freiheit über vielfältige weltpolitische Krisen hinweg, zum Beispiel die beiden Berlin-Krisen 1948/49 und 1958/62. Sie ist auch heute auf den großen transatlantischen Verbündeten angewiesen. Die Entspannung ist nie auch nur in die Nähe des Punktes gelangt, an dem der eiserne Zwang zur Existenzsicherung nachgelassen hätte und die Verbindung mit Amerika deshalb in ihrer Bedeutsamkeit vermindert worden wäre. Sie bleibt das Fundament unserer Sicherheit, ein wesentliches Element unserer Prosperität und für die allermeisten Westdeutschen auch ein Stück Geborgenheit: Wir wissen, wohin wir gehören.

Das deutsche Interesse

Wirklichkeit ist aber auch etwas anderes: Die Logik der Zusammenarbeit und die Grammatik der Interessen stimmen nicht mehr a priori überein. Differenzen, ja Divergenzen haben sich in den letzten Jahren aufgetan, vor allem seit Ronald Reagan im Weißen Haus amtiert. Wie soll der Westen mit den Sowjets umgehen? Welchen Wert haben Entspannung, Osthandel, der Rüstungskontroll-Dialog der Supermächte? Was ist die richtige westliche Strategie für Abschreckung und Verteidigung? Woran sollen wir uns in der Dritten Welt halten – an Uniformen oder an Reformen? Kerkert Reagans Wirtschaftspolitik – Ergebnis: riesige Budgetdefizite, hohe US-Zinssätze – Europa im Armenhaus der Arbeitslosigkeit ein? Auf all diese Fragen gibt Helmut Kohl ja fast dieselben Antworten wie ehedem Helmut Schmidt; er trägt nur verbindlicher vor, was sein Amtsvorgänger mit ätzender Schärfe zu sagen pflegte. Täuschen wir uns nicht: Die zuweilen frappierende Kongruenz der Sprache in Reagans Washington und Kohls Bonn kann das Auseinanderlaufen der Interessen nicht kaschieren.

Siebzehn Millionen Deutsche leben unter dem Kommunismus; das zwingt uns in einen ständigen Dialog, um ihr Los zu verbessern, Kontakte zu verbessern und die Teilung zu erleichtern, wo sie schon nicht zu überwinden ist. Weil zwischen Bonn und Ost-Berlin nichts gedeihen kann, wenn das amerikanisch-sowjetische Verhältnis im Eis erstarrt, haben wir ein eigenständiges Interesse daran, daß das Zwiegespräch der Großen nicht erstirbt; wir können uns nicht einfach aufs hohe ideologische Roß setzen und den Sowjets die kalte Schulter zeigen. Und weil Deutschland in jedem Krieg zwischen Ost und West Hauptschlachtfeld und Hauptopfer wäre, weil zudem in den beiden deutschen Staaten heute schon die dichteste Konzentration von Streitkräften und Waffen anzutreffen ist, die es auf der ganzen Erde gibt (900 000 Mann und 4000 Atomwaffen hüben, 540 000 Mann und 3500 Atomwaffen drüben), werden Rüstungskontrolle und Abrüstung für uns stets mehr sein müssen als eine akademische Übung, auf die notfalls auch zu verzichten wäre: eine Lebensfrage.