Lateinamerika

Von Manfred Sack

Wenn Stück beginnt – "El Cosechero", der Erntearbeiter fühlt man sich zuerst vom Tango gelockt, den der Akkordeonist Barboza mit raffinierten Aussparungen vorträgt. Dann aber nimmt einen die Stimme in Anspruch: kein strahlender, mehr inwendig leuchtender, scheinbar ohne besonderen Ehrgeiz geführter Alt. Doch dann merkt man allmählich die Kraft dieser Stimme und die Bestimmtheit der Artikulation, der Einfachheit, der Gelassenheit. Und schon ist es gewiß, daß man der Argentinierin Mercedes Sosa bis zum Schluß zuhören wird auf ihrer in Buenos Aires live aufgenommenen Schallplatte –

Mercedes Sosa: "Live in Argentinien"; Tropical Music/"pläne" 680.001.

Es sind, wenn man die Titel liest, Lieder, die sich nicht zur Untermalung langweiliger Augenblicke eignen, sondern zum Zuhören gemacht sind. Sie lassen Engagiertheit vermuten, und offenbar stimmt, was ein großer Kenner dieser Musik, Claus Schreiner, in seinem gründlich informierenden Buch "Musica Latina" (Fischerbücherei 2973) geschrieben hat: daß man die in Südamerika so beneidenswert in die Popularmusik integrierten kritischen Lieder "nicht an bestimmten musikalischen Ausdrucksformen" erkenne, "sondern allein an ihren Texten – wenn man auch die tatsächliche Aussage zwischen den Zeilen lesen muß". Eine Erfahrung, die jeder gemacht hat, der jemals Beispiele dieser gesungenen politischen Poesie gehört hat – und die ihn desto mehr nun die Unterlassung dieser Schallplatte spüren läßt: Er ist fasziniert von der Kraft dieser Sängerin, aber er weiß nicht, wofür sie sich so hingebungsvoll engagiert: Die Texte werden nicht mitgeteilt.

Diese Unterlassung ist auf einer anderen Platte dieses Verlages korrigiert worden –