Da machten die gelehrten Herren von der Prüfungskommission der Berliner Hochschule für Musik aber Riesenaugen. Was ihnen der spillrige junge Mann aus Ost-Berlin auf dem Xylophon aus einem Werk von Hindemith gerade vorhämmerte, war brillant, es war reif für ein mit Auszeichnung bestandenes Schlagzeug-Studium: Voraussetzung für eine Karriere in den sinfonischen Orchestergräben der Welt. Schon lockte Radio Dublin mit einem Vertrag. Doch es kam ganz anders, und das hatte zwei Gründe.

Wolfgang Schlüter hatte sich mit einer Jazzplatte eine unheilbare musikalische Infektion zugezogen. Der Bazillus hieß Lionel Hampton, ein swingender Berserker auf dem Vibraphon, ein leuchtendes Beispiel dafür, daß dieses Instrument ein Bruder des Schlagzeugs, nicht des Klaviers ist. Vollends dem seriösen Lager entfremdet wurde Schlüter durch einen Verführer, der in meiner Gestalt in sein Leben trat. Ich war damals – Anfang der fünfziger Jahre – meines Philosophie- und Soziologie-Studiums überdrüssig und wollte unbedingt Jazz auf dem Klavier spielen. Wir gründeten eine Band und begaben uns auf eine Bahn, die Hasenherzen abschüssig nennen.

Aber es ging nach oben. 1953 gaben wir unser erstes Konzert in einem Berliner Studentenkeller. Dreißig Jahre später, im Alter von fünfzig Jahren, ist Wolfgang Schlüter einer der großen Vibraphonisten, die man an einer Hand abzählen kann. Und ich? Ich kann immer noch keine Tonleitern, betreibe Jazz wie das Atmen, und als sein Klavierspieler hatte ich drei Jahrzehnte wie ein Vogelwart Gelegenheit, das Mausern dieses erstaunlichen Vibraphon-Wesens zu beobachten.

Er war nie ein Pfau. Das Radschlagen überläßt er anderen. Sich feiern zu lassen, Triumphbögen zu durchschreiten, wie es sein Kollege Gunter Hampel beim Jazzfest in Berlin tun wird, ist ihm zuwider. Er arbeitet lieber, hat immer versucht, seinem "Frigidaire" Wärme abzuringen. Das Ergebnis war schon frühzeitig eine instrumentale Meisterschaft, die einst sogar seinen Schwann Lionel Hampton verdutzt hat. Als der nämlich auf einer Deutschland-Tournee in jenem Keller landete, wo Freund Schlüter seine "Feldschmiede" bearbeitete und gerade auch noch "Flying Home" spielte, da mußte der Meister aus USA seine Überlegenheit unbedingt beweisen. Das wäre ja noch schöner: So ein Bleichgesicht will mir vormachen, wie man Vibraphon spielt!

Schlüter schnitt bei diesem Wettkampf nicht schlecht ab. Und später, als wir vom köstlichen Geklingel des Modern Jazz Quartetts ganz verzaubert waren, begann er das Spiel von Milt Jackson zu studieren. Was heißt studieren? Damals gab es keine Noten, damals lagen wir oft tagelang vor den Plattenspielern auf dem Boden und hörten Note um Note jener Musik ab, die uns so viel bedeutete. Und langsam gingen uns jene inzwischen mythischen Stücke ins Blut über: "Bluesology", "Softly as in a morning sunrise", "Angel eyes".

Wer spielte da wirklich vor uns auf dem goldschimmernden Instrument? War es der weiße Bundesbürger Wolfgang Schlüter oder der schwarze Amerikaner Mut Jackson? Alles verwischte sich. Auch die Hautfarben. Eines Nachts ersetzt mich für ein paar Stücke ein farbiger Klavierspieler. Grausig, hat der gespielt. Schlüter dreht sich um und fragt ihn: "Und du willst ein Neger sein?" Es gibt Schriftsteller, die nie etwas von einem Kollegen lesen. Sie haben Angst. Im Jazz ist es völlig unmöglich, die Ohren vor den Klängen der Kollegen zuzusperren. Jazzmusiker arbeiten nun einmal nicht im Wald. Das Problem ist: Wie werde ich meinen Kollegen im Kopf wieder los?

Vielleicht ist das das Erstaunlichste an dem Vibraphonisten Wolfgang Schlüter: Er hat es geschafft, daß ihm seine Vorbilder nicht die Seele auffraßen. In großer Gefahr war er, als der Amerikaner Gary Burton völlig neue technische Maßstäbe für das Vibraphon setzte. So wie Burton hatte noch kein Mensch mit Schlegeln Metall zum Klingen gebracht. Burton spielte Klavier auf dem Vibraphon. Schlüter fühlte sich, als hätte man ihm einen Fehdehandschuh hingeworfen. Er übte wochenlang mit roten Ohren, und bald raste er über sein Instrument wie eine verrückte Spinne, wie Gary Burton.