Frankfurt/Main

Der Kultusminister ist begeistert, der Arbeitsamtsleiter nickt beifällig, der Schuldezernent klatscht in die Hände, die Rektoren fühlen sich entlastet, die Gewerkschaft macht Denkpause, die Eltern sind überglücklich, die Kinder strahlen. Und die Lehrer, die arbeitslosen, haben einen Ausweg gefunden. Sie helfen, den chronischen Stundenausfall zu reduzieren und den wachsenden Erwerbslosenberg abzubauen: Sie machen eine Schule auf.

So jedenfalls hatten es sich zehn arbeitslose Lehrer im Frankfurter Bornheim ausgemalt, als sie eine unkonventionelle Idee hatten, von der alle Beteiligten profitieren könnten.

„Ich bin ein arbeitsloser Lehrer und beziehe dafür, daß ich nichts tue, 1200 Mark Arbeitslosenhilfe. Auf der anderen Seite wird über die Kosten geklagt, die die Arbeitslosen verursachen. Ich kann doch genausogut, statt nichts zu tun, den Gegenwert von diesem Geld an Zeit in der Schule unterrichten, pro Woche also cirka zehn Stunden.“ Fritz Brehm, erwerbsloser Pädagoge für die Fächer Sport und Deutsch, schrieb es im Frühjahr 1982 an den Direktor des Frankfurter Arbeitsamtes, Karsten Koppe.

Die Vorteile seines Vorschlags lagen für den Initiator des ein Jahr zuvor gegründeten Vereins „Kalif“ („Kein arbeitsloser Lehrer in Frankfurt“) auf der Hand: „Ich kann wieder dort arbeiten, wofür ich ausgebildet bin, nämlich in der Schule, und brauche keine teuren Umschulungsmaßnahmen in Anspruch zu nehmen. Außerdem laufe ich nicht mehr mit dem schlechten Gewissen herum, ein Faulpelz zu sein, wie das von interessierter Seite der Öffentlichkeit zu suggerieren versucht wird.“ Seelische Erleichterung versprach Brehm auch dem Arbeitsamtsleiter: „Sie haben einen arbeitslosen Lehrer weniger in ihrem Computer und laufen deshalb auch nicht mehr mit schlechtem Gewissen herum, denn Sie haben das Gefühl, etwas Konstruktives zum Abbau der Arbeitslosigkeit beigetragen zu haben.“

Konstruktives, konkrete Utopie nach Art der Kalifen: „Wir renovieren uns ein Haus und bauen es zur Schule aus.“ Jedes ungenutzte Gebäude („In Frankfurt gibt’s genug davon“) ist dazu geeignet. Alle Kinder der Umgebung, alle Eltern und Lehrer können unter Anleitung von Fachkräften beim Aufbau dieser Schule mithelfen. Ist sie fertig, dann werden die traditionellen Unterrichtsfächer von arbeitslosen Fachlehrern erteilt. Freie Kurs-Angebote, wie Photographie, Töpfern, Malen, Kraftfahrzeugtechnik, Hobby-Sportarten, Jonglieren, Astrologie, Gymnastik oder Theater, unterbreiten pädagogisch versierte und ebenfalls vormals erwerbslose Fachleute.

Das Ergänzungsangebot zum überfüllten Klassenzimmer würde nach Rechnung der Lehrer den Staat um keine müde Mark mehr als bisher belasten. „Denn im Durchschnitt kostet ein Arbeitsloser 25 000 Mark im Jahr. Ich selbst bekomme 12 mal 1200 Mark, also 14 400 Mark jährlich. Die restlichen 10 600 Mark werden für Kranken- und Rentenversicherung verwendet.“ Für dieses Geld, so finden die phantasiebegabten Pädagogen, wäre ein sinnvolles Äquivalent machbar: eine Schule.