Peggy Parnass, Kolumnistin, Schauspielerin. Seit 1970 Konkret-Autorin. Veröffentlichung: „Prozesse 1970 – 1978“. Das ist alles, was zur Person der Autorin gesagt wird auf dem Einband des neuen Buchs von Peggy Parnass.

Man könnte ergänzen: 1970 Joseph-Drexel-Preis für „hervorragende Leistungen im Journalismus“. 1980 Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union für „Prozesse 1970 bis 1978“. Dieses Buch mit dem trockenen Titel, ein kleiner Wälzer von 633 Seiten, hat bis 1980 acht Auflagen erlebt. 77 Justizberichte, chronologisch, unverändert, so wie sie in der Zeitschrift Konkret innerhalb von acht Jahren erschienen sind, viele allerdings ergänzt um die Kürzungen, welche in den siebziger Jahren – oft aus „taktischen“ Gründen – vorgenommen wurden. Der Vater von Peggy Parnass war Pole, die Mütter hatte, wie die Tochter sagt, „einen Schuß Portugiesin“. Peggy Parnass ist Schwedin, ihr Bruder Engländer. „Bin überall zu Hause. Bin nirgends zu Hause.“ Wohnhaft in Hamburg.

Sie bezeichnet sich auch als „Linke“. Sie ist, so schließe ich aus Begegnungen, die erotischste Person dieser „Linken“. Peggy Parnass hat den Charme der geistreichen Frauen, die Deutschland, Preußen, einmal gekannt hat, im Berlin um 1815.

Dies als Vorwort zu ihrem neuen Buch „Unter die Haut“. Über diese Auswahl von Artikeln der Jahre 1978 bis 1980 schreibt Peggy Parnass: „Im Grunde ist ja alles, was ich schreibe, ein Vorwort, Zu dem, was ich eigentlich will. In der Hoffnung, Seh- und Denkgewohnheiten zu verändern. Gegen Zeitströmungen, die mir weh tun. Aus Sehnsucht nach einer Gesellschaft, die etwas weicher ist, offener. So daß man das dicke Fell, das ich nicht hab’, nicht braucht.“

Die Essays, Manifeste, Meditationen schrieb die Autorin für die „Benachteiligten aller Parteien und Karteien“ – aber, so beschließt sie, sie „müssen auch selbst aufstehen, sich grad machen. Offenheit ist unsere einzige Chance.“

Lapidar, kunstvoll, genau sind diese Kapitel einer Moralistin in feiger Zeit. Wie kommt es, daß man durch die Kenntnisnahme dessen, was man lange wissen konnte, wissen mußte, so getroffen wird, verwundet wird? Der Leser, sich informierend, wird bei dieser Lektüre leiden: an der Kindheitsgeschichte der Autorin, des kleinen jüdischen Mädchens in nazistischer Umwelt, an einem Bericht über den Prozeß gegen Herrn Dr. Ludwig Hahn, der als eigentlicher Mörder Warschaus angesehen werden muß (und an dem umständlichen, tüchtigen, deutschen Gerichtsverfahren in dieser Sache); an dem, was Tante Flo aus ihrem Lager-Alltag – wenn man das so nennen kann – in Auschwitz berichtet; an der merkwürdigen „Diskrepanz“ in den Fahndungsmethoden, die Peggy Parnass – die jedem deutschen Bürger – auffallen, wenn er politische Großfahndungen anläßlich des aktuellen Terrors mit den aus politischen Gründen unterlassenen Fahndungen anläßlich des vergangenen Terrors vergleicht.

Ob Peggy Parnass über den Maidanek-Prozeß berichtet oder über den Kampf eines Transsexuellen bei Gutachterbehörden: Die gleiche Traurigkeit des wachen Bewußtseins durchzieht auch das Kapitel über „Die Unfähigkeit, etwas Schönes festzuhalten“, über Lieben hier und heute oder den Bericht von einem „Damen-Seminar“ zwecks politisch-gesellschaftlicher Schulung – ein kleines Kabinettstück sarkastischer Beobachtung,

Weil Peggy Parnass sich selber nicht schont und freimütig von eigenen Erfahrungen spricht, kann sie die Forderung stellen nach „Solidarität“ und vor einer Welt „ohne Liebe“ warnen, „ohne Gelächter, ohne Sinnlichkeit“. Ruth Henry