Paris, nie La Boétie 58 bis Die amerikanische Botschaft liegt nur wenige Minuten entfernt. Die Champs-Elysees und der Elysée-Palast des französischen Präsidenten sind auch nicht weit. Nr. 58 bis ist ein unscheinbares Gebäude. Hinter den Gemäuern spielt sich jedoch Wichtiges ab.

Anfang Oktober, ein Freitag. Zwei, drei Dutzend Leute verlassen das Haus: Vertreter der fünfzehn wichtigsten Industrieländer des Westens. Die meisten von Ihnen, die Europäer, hasten zum Flughafen Charles de Gaulle; sie wollen heim ins Wochenende. Auch die Deutschen, die aus Bonn gekommen sind. Ihre letzte Maschine ist die LH 127 nach Köln, Abflug 19.55 Uhr.

An den übrigen Wochentagen gehen die Lichter in der rue La Boétie oft erst spät am Abend aus. In den letzten Wochen und Monaten war viel zu tun, und in den kommenden Wochen und Monaten wird es nicht anders sein. Spätestens bis zum Sommer 1984 müssen wichtige Entscheidungen gefallen sein. Es geht um die technische Vorherrschaft der kapitalistischen Welt.

In der rue La Boétie Nr. 58 bis einem zur amerikanischen Botschaft gehörenden Gebäude, sitzt eine der wichtigsten Kommandozentralen der westlichen Welt. Von hier aus wird eine Art geheimer Krieg gesteuert, ein friedlicher Krieg zwar, der aber dennoch wirkungsvoll ist. Warenströme, die im freien Welthandel ansonsten ungehindert von West nach Ost fließen, werden von hier aus genau beobachtet, kontrolliert, gesteuert oder auch verboten. Schon der Name der Zentrale im Herzen von Paris hat etwas von einem Code-Wort: CoCom.

CoCom ist ein Kürzel. Es steht für Coordinating Committee for East-West Trade Policy. Das klingt harmlos und erinnert eher an ein Frühstückskartell. Doch was in diesen Tagen bei CoCom zur Disposition gestellt ist, ist alles andere als harmlos. Kommt es zu einer schärferen Beschränkung des Osthandels der westlichen Welt, wie es die amerikanischen Mitglieder im CoCom verlangen, dann wird dem noch immer wichtigsten Industriezweig der Bundesrepublik ein schwerer Schlag versetzt. Alexander Batschari, Sprecher des „Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau“: „Wenn sich die Falken durchsetzen, dann können wir zumachen.“

Ein Beispiel: Ein Teil der deutschen Maschinenbauer setzt seine Exportchancen derzeit auf die neuen elektronisch gesteuerten Textilmaschinen. Diese Geräte sind im Ostblock sehr gefragt. Die Maschinenparks von gestern werden sukzessive durch neue moderne Maschinen ersetzt, Die computer-gesteuerten Apparate können aber auch für andere Zwecke als nur zum Stricken oder Weben, Zuschneiden und Fertigen von Textilien benutzt werden. Helmut Giesecke, Leiter der Außenhandelsabteilung beim Deutschen Industrie- und Handelstag in Bonn: „Bei diesen modernen Automaten ist es gar nicht mehr zu vermeiden, daß sie sich am Ende auch zur Steuerung von Raketenköpfen eignen. Wenn der Zugriff von CoCom jedoch so weit ginge, daß auch Textilmaschinen erst auf ihre Harmlosigkeit geprüft werden müssen, dann wird das für den Handel der deutschen Firmen sehr, sehr schwierig.“ „Schwierig“ ist nur eine zurückhaltende Formulierung für: Nichts wird mehr gehen.

Bonner Geheimniskrämerei