Der jüngste Kurssturz beim Dollar bestätigt wieder einmal die banale Erfahrung, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Vor zwei Monaten noch galt es als ausgemacht: Für eine Zinssenkung durch einen; Abbau der amerikanischen Haushaltsdefizite über eine Kürzung der Rüstungsausgaben gebe es keinen Hoffnungsschimmer; weder in diesem Jahr noch im Wahljahr 1984 werde Präsident Ronald Reagan die Steuern erhöhen. Er brauchte nicht einmal zu befürchten, daß sich im Wahlvolk Widerstand gegen die hohen Zinsen regt.

Die Amerikaner stöhnen zwar auch unter der Zinslast, wenn sie Schulden machen. Aber anders als bei uns können auch Privatleute ihre Schuldzinsen von der Steuer absetzen, wodurch zum Beispiel Hypothekenzinsen für den Grundstückskäufer unter Umständen halbiert werden. Und da die Zinsen hoch bleiben werden, so schlossen die Analytiker, werde auch der Dollar fest bleiben. Denn die hohen Zinsen in den USA und die Erwartung, daß sie hoch bleiben, seien der Grund für den starken Dollar.

Und nun ist es schneller als man dachte, doch anders gekommen. Dabei hat sich an den wichtigsten Wirtschaftsdaten in den USA nur ganz wenig geändert. Das Haushaltsdefizit für das am 1. Oktober angefangene Fiskaljahr 1983/84 ist nach wie vor auf einer bedrohlichen Rekordhöhe. Man hätte also annehmen müssen, daß sich auch die amerikanischen Zinsen nicht nach unten bewegten. Entgegen allen Erwartungen taten sie es doch. Der Grund: Das Tempo des amerikanischen Aufschwungs hat nachgelassen.

Die verringerte Differenz zwischen den Zinsen in den Vereinigten Staaten und den Zinsen in den europäischen Ländern – allen voran in der Bundesrepublik – hat bei den Dollarbesitzern in aller Welt ganz neue Überlegungen in Gang gesetzt. Wenn die Zinsen, die sie in den USA oder auf dem Eurodollarmarkt zu verdienen hoffen, sinken, müssen sie mit einem sinkenden Dollarkurs rechnen. Beim Rücktausch ihrer Dollaranlagen in die heimische Währung müßten sie, wenn der Kurs erst einmal ins Rutschen kommt, Verluste hinnehmen. Sie schmälern den Zinsgewinn, der den ursprünglichen Anstoß zur Anlage in Dollar gegeben hat.

Deshalb steigen Dollarbesitzer im Ausland gegenwärtig aus der amerikanischen Währung aus in der Hoffnung, das Kursrisiko dadurch klein halten zu können. Je mehr von ihnen so reagieren, um so schneller sinkt der Kurs des Dollar: Das Angebot an Dollar wächst im selben Maße wie die Nachfrage nach Rücktauschwährungen, vor allem nach Mark.

Was diese Stärkung der Mark für den deutschen Export, den Import und die Zinsentwicklung in der Bundesrepublik bedeutet, erläutert Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl auf Seite 24 („Zinsen können sinken“). Für die ganze Welt aber ist ein schwächerer Dollar gegenwärtig ein Geschenk des Himmels – er mindert den protektionistischen Druck der Unternehmer und Gewerkschaften auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Nur bei anhaltender Dollarstärke wird das Weiße Haus bedrängt, gegen die ausländische Konkurrenz Schutz zu gewähren. Wenn einer anfängt, folgt in anderen Ländern meist ein Rattenschwanz an Vergeltungsmaßnahmen. Dieser Teufelskreis kann bei sinkenden Dollarkursen eher durchbrochen werden.

Im Europäischen Währungssystem (EWS) hat eine starke Mark letztlich noch immer zu einer Veränderung der Leitkurse (im EWS gibt es anders als gegenüber dem Dollar feste Wechselkurse mit nur geringen Schwankungsbreiten) geführt. Das übliche Muster lautet dann stets: Die Mark wird – allenfalls mit dem Gulden – aufgewertet, die schwachen anderen Währungen mit dem französischen Franc an der Spitze werden abgewertet. Der Bundesbankpräsident sieht eine solche Exportbremse für unsere Industrie diesmal noch nicht am Horizont, kann in seiner Position allerdings auch kaum etwas anderes sagen. Aber wenn die Stärke der Mark anhält, ist die nächste Neuordnung der Kurse im EWS fällig.

Rudolf Herlt