Von Joachim Nawrocki

Anderthalb Jahre ist Klaus Bölling der Ständige Vertreter der Bundesrepublik in der DDR gewesen, von Februar 1981 bis zum Mai 1982. Anders als sein Vorgänger Günter Gaus brachte er persönliche Bindungen und Erlebnisse mit: Er ist in Potsdam und Berlin aufgewachsen, die Eltern wurden von den Nationalsozialisten verfolgt, vom Kriegsende bis zum Herbst 1947 war Bölling Mitglied der KPD und später der SED, ist in dieser Zeit manchem heute einflußreichen SED-Funktionär, vor allem Erich Honecker, mehrfach begegnet und war ihnen also gut bekannt. Das brachte Nähe zu dem Land und zu den Menschen mit sich, aber auch Distanz und – wie Bölling selbst sagt – "emotionale Abneigung" zu einer Partei, der Bölling 1947 enttäuscht und desillusioniert den Rücken gekehrt hatte. Der Hannoveraner Gaus ist da unbefangener, offener und gutgläubiger an seine Aufgabe gegangen.

Diese biographischen Bedingungen machen, unter anderem, auch die Denkstrukturen beider Männer aus, und also auch die Unterschiede zwischen ihren DDR-Büchern, die jetzt fast gleichzeitig erschienen sind. Gewiß haben beide die gleichen Beobachtungen gemacht, aber schon dabei manchmal unterschiedlich empfunden. Sicher sieht der eine nicht rosa, wo der andere rot sieht, aber die Nuancen sind beachtlich. Das Buch von Bölling ist ganz handfest, es bleibt vorwiegend an der sichtbaren, greifbaren Oberfläche, ohne deshalb oberflächlich zu sein.

Zwar äußert Bölling manche Vermutungen über Denkweisen und Charakterstrukturen seiner Gesprächspartner in der DDR (die möglicherweise auch mehr als nur Vermutungen sind). Aber er vermeidet Spekulationen, essayistische Abschweifungen, tiefsinnige Nabelschau, und er zeigt unverhohlene Skepsis gegenüber den "intellektuellen Bemühungen" manches deutschlandpolitischen Theoretikers. Wie gering und eigentlich fest umrissen der Spielraum der Deutschlandpolitik ist, das kommt bei Bölling klar zum Ausdruck.

So ist, trotz der kurzen Zeit, die Bölling in der DDR verbrachte, ein wichtiges Buch über die Deutschlandpolitik, die DDR und vor allem über ihre wichtigsten Politiker entstanden; eine Reflexion über einen kurzen Abschnitt deutscher Geschichte, in dessen Mittelpunkt die Reise von Bundeskanzler Schmidt an den Werbellinsee steht. Natürlich sind Memoiren und Erinnerungen selten eine zuverlässige Quelle für die Geschichtsforschung, aber gerade die Subjektivität macht ihren Reiz aus. Subjektivität bedeutet ja nicht Einseitigkeit. Im Gegenteil: Bölling, der seine Abneigung gegen den SED-Staat offen eingesteht, plädiert gleichwohl für Berechenbarkeit, Vertrauen und Annäherung zwischen beiden deutschen Staaten in den Grenzen des Möglichen – und das heißt für Bölling: nicht des theoretisch Denkbaren, sondern in den Grenzen dessen, was die DDR-Führung einerseits mitzumachen bereit ist und was auch die "seelische Befindlichkeit" der Bevölkerung in der DDR andererseits zu berücksichtigen hat.

Dieses Gespür für das politisch Erreichbare zieht sich durch alle Passagen des Buches, die die Deutschlandpolitik betreffen. "Zugeständnisse, die zu Lasten der Stabilität der DDR gehen, sind auch durch neue Milliardenkredite nicht zu haben. Was Honecker und das Politbüro an Abgrenzung zur Bundesrepublik für nötig halten und was sie an Liberalität im Umgang mit den eigenen Bürgern und mit einer Bonner Regierung für möglich halten, das bestimmen sie selber", schreibt Bölling. Und: Das Prinzip der Ausgewogenheit von Leistung und Gegenleistung gebe für die praktische Politik nicht viel her, denn "wir werden, wenn wir es mit der nationalen Zusammengehörigkeit ernst meinen, immer etwas mehr zu leisten haben, als die andere Seite zu geben bereit ist. Man kann das unsere Erpreßbarkeit nennen. Sie ist nicht unehrenhaft". In diesem Rahmen wird sich deutsche Politik auf absehbare Zeit zu bewegen haben.

Andererseits sieht Bölling die Zustände im geteilten Land durchaus nicht statisch. Daß sich nichts bewegen werde in Mitteleuropa, daß Deutschland auf ewig geteilt bliebe, wie gerade die progressiven Deutschlandpolitiker meinen, das glaubt nicht einmal Generalsekretär Erich Honecker. Vor nicht langer Zeit hat er in einer Rede die Wiedervereinigung, wenn auch unter sozialistischen Vorzeichen, als historische Perspektive beschrieben – zur Verwirrung seines Funktionärskorps und des damaligen Sowjetbotschafters Abrassimow.