In den deutschen Börsensälen ist wieder einmal von einer Traumkonstellation die Rede. Der Dollar-Kurs bildet sich zurück, die Zinsen sinken, und gleichzeitig festigt sich die Aussicht auf höhere Erträge bei den Unternehmen. Dem Aktienmarkt, so schätzt das Bankhaus Delbrück & Co., verbleibt noch ein unausgeschöpftes Kurspotential von rund 20 Prozent, bis eine normale Bewertungshöhe erreicht sein wird.

Bei soviel Optimismus konnte eine neue Kaufwelle am Aktienmarkt nicht ausbleiben. Auch die Ausländer sind wieder dabei. Sie setzen auf. eine Wiedererstarkung der Mark und auf steigende deutsche Aktienkurse.

Wenn die Kurse bisher nicht nach oben ausgerissen sind, liegt dies an dem immer noch beträchtlichen Angebot. Die Aussicht, ansehnliche Kursgewinne steuerfrei kassieren zu können, übt auf private Anleger einen starken Reiz aus. Es sind aber auch Kapitalsammelstellen auf der Verkäuferseite anzutreffen. Für beide Gruppen stellt sich die gleiche Frage: Wohin mit dem freigewordenen Geld?

Ein Teil scheint sofort wieder in den Aktienmarkt zurückzufließen. Insgesamt wird „gezielter“ gekauft als im Frühjahr. Unverkennbar ist, daß die Freude am Risiko erhalten geblieben ist, wie sich unschwer an den zeitweise steigenden Notierungen deutscher Stahlaktien ablesen ließ, für die es eine vernünftige Begründung schwerlich gibt.

Für die meisten Anleger, vor allem für die Ausländer, gelten Qualitätsgesichtspunkte. Deshalb sind Daimler- und Mercedes-Aktien ihrem diesjährigen Höchststand wieder sehr nahe gekommen. Schering wurde in diesen Tagen „neu entdeckt“. Auch Linde-Aktien haben ihr Sommerloch weitgehend wieder ausfüllen können. Selbst die lange Zeit vernachlässigten RWE-Aktien fanden bei steigenden Kursen neue Freunde, obwohl Versorgungspapiere längst nicht von allen Banken zur Anlage empfohlen werden.

Es gilt zwar als sicher, daß im Zuge der Konjunkturbelebung der Stromabsatz im kommenden Jahr deutlich steigen wird und daß auch eine Entlastung der Ertragsrechnungen durch sinkende Zinsen stattfindet; gleichzeitig wird aber darauf hingewiesen, daß viele Unternehmen in diesem Jahr einen Gewinneinbruch erleiden werden. In Zukunft werden die Ertragsrechnungen der Stromerzeuger von der sich verschärfenden Umweltgesetzgebung zunehmend belastet, insbesondere deshalb, weil sich die Politiker scheuen, die damit verbundenen Kostensteigerungen sofort und in ausreichendem Maße in den Strompreisen zu berücksichtigen.

Bei den Bankaktien gibt es bislang nur bescheidene Ansätze für eine nachhaltige Kurserholung. Durch den gesunkenen Zins ist zwar ein Teil des sich in den Rentenportefeuilles abzeichnenden Abschreibungsbedarfs wieder verschwunden. Wenn das an der Börse bislang kaum honoriert worden ist, liegt dies an den nach wie vor ungelösten Finanzproblemen der lateinamerikanischen Länder. Selbst wenn ein Eklat und ein Zusammenbruch des westlichen Bankensystems vermieden wird (weil er vermieden werden muß), dürften die einzufrierenden Milliarden-Kredite noch auf viele Jahre Spuren in den Gewinn- und Verlustrechnungen der Banken hinterlassen.

Differenzierte Kursbewegungen gibt es bei den Maschinenbauwerten. Hier treffen sich zwei Käuferschichten. Einmal die konservativen Anleger, die sich für die „problemlosen“ Linde- oder KHD-Aktien interessieren, zum anderen jene, die ständig auf der Suche nach einer „turn-around Situation“ sind. Bei der Deutschen Babcock AG glauben sie eine solche ausmachen zu können, aber auch bei MAN. K. W.