Von Klaus Pokatzky

West-Berlin

Früher haben hier die Stars der deutschen Leinwand vor der Kamera gestanden und sich in den Kabinen geschminkt und kostümiert. "Varieté" ist hier entstanden, "Metropolis" und auch der "Blaue Engel". Und heute kommen manchmal, nebst viel anderem Volk, sonntags nachmittags auch CDU-Senatoren mit Frau und Kindern, um sich die "tollkühnen Hunde", Pferd und Indianerpony, Esel, Schweine und Kaninchen anzusehen.

Die Rede ist von dem alten Gelände der "Ufa" in Berlin-Tempelhof, das vor mehr als vier Jahren illegal besetzt wurde und gleichwohl mittlerweile dem Berliner CDU-Senat als Aushängeschild einer offenen Kulturpolitik dient. "Der Senat wird auch weiterhin die Voraussetzungen geben", hatte er im vorigen Jahr dem Abgeordnetenhaus verkündet, "daß die Arbeit dieses Projekts fortgeführt werden kann." Im Moment aber ist der Senat dabei, den Leuten von der "Ufa-Fabrik" solche Steine in den Weg zu rollen, daß die nur noch schlechte Chancen sehen, ihre einzigartige Arbeit fortzusetzen.

Einzigartig: 60 Frauen, Männer, Kinder leben und arbeiten hier – fertige und abgebrochene Akademiker ebenso wie Elektriker, Klempner, Tischler, Bäcker. Die "Ufa-Fabrik" kann mit einem Kino aufwarten und einem Zirkus, der sommers in Westdeutschland auf Tournee gastiert und winters in Berlin sein Publikum erfreut. Es gibt eine biodynamische Vollkornbäckerei, ein Café und Werkstätten. Sprachkurse für Italienisch und Spanisch werden angeboten, Gitarrenunterricht in klassischer Manier, in Folk und Blues. Judo, Karate und Arkido kann man hier lernen oder in einer Pantomime-Gruppe mitmachen. In den letzten Jahren, so haben die "Ufa"-Leute zusammengezählt, haben über 200 000 Menschen aus aller Herren Länder ihr "Modell für Leben, Arbeit und Kultur" besucht.

Die Liberalen unter den CDU-Senatoren sehen das unbürgerliche Treiben der "Kommune in der Großstadt" mit Faszination und Wohlwollen. Als die Jugendenquete-Kommission des Deutschen Bundestages in Berlin recherchierte, gehörte ein Ufa-Besuch zur Pflichtübung, und Sozialsenator Ulf Fink, der einen Sonderetat für alternative Projekte verwaltet, ist voll des höchsten Lobes: "Die zeichnen sich durch besondere Phantasie und wirklich neue Dinge aus. Mit Sicherheit können die von uns Geld bekommen."

Das aber wollen sie auf keinen Fall. Staats-Knete wird von der "Ufa-Fabrik". strikt abgelehnt. "Wir arbeiten lieber mit Privatleuten als mit Politikern", sagt Juppy Becker, der früher mal ein bißchen Architektur studiert hat und heute zu den wichtigeren "Ufa"-Leuten gehört: "Politiker denken sowieso nur in vier Jahren." Die Macherinnen und Macher der "Ufa-Fabrik" aber denken in ganz anderen Dimensionen: Gerade sind sie dabei, mit den Handwerksmeistern in ihren eigenen Reihen Lehrwerkstätten für angehende Bäcker, Tischler, Radio- und Fernsehtechniker zu schaffen; und ein Haus für ein paar befreundete alte Leute würden sie auch ganz gern aufmachen, damit die nicht in diesen sterilen Altenheimen auf ihren Tod warten müssen. Dafür aber müssen sie investieren, die nötigen Eigenmittel haben sie nicht – und ihre Bank zögert noch und möchte eine langfristige vertragliche Mietregelung sehen.