Vor fünfzig Jahren ist der Dichter Paul Ernst gestorben; davon ist nicht viel Aufhebens gedacht worden. Doch sollte ein halbes Jahrhundert genügen, um sein Werk neu auf seine Dauerhaftigkeit, seinen künstlerischen Rang und seine Aktualität zu befragen. Die Literaturwissenschaft hat ihn, unwidersprochen, als Neo-Klassizisten abgestempelt. Dort ist er zum „Forschungsgegenstand“ erstarrt, Opfer von Dissertationen. Das Lesepublikum hat ihn vergessen. Kein Theater spielt seine Dramen. Er wird respektiert, ja, aber oft mit spürbarem Mißbehagen. Die bald nach seinem Tod gegründete Paul-Ernst-Gesellschaft bemüht sich um sein Werk.

Zeitgemäß war dieser Autor nie. Er war vielmehr recht unbequem, und da er mit unbeirrbarem Ernst (seinem Namen getreu), mit Absolutheitsanspruch, mit Schroffheit oder auch mit priesterherrscherlicher Attitüde auftreten konnte, stieß er auf Verlegenheit oder Unmut.

Die einen lehnen ihn heute wegen seiner angeblichen intellektuellen Kälte, seiner Trockenheit und würdevollen Langeweile ab, die anderen verehren in ihm den gedankentiefen Dramatiker, eine Schiller-Hebbel-Synthese sozusagen.

Fünf Neuerscheinungen nehmen das Paul-Ernst-Jahr zum Anlaß, an den Dichter zu erinnern. Sie versuchen, den Schriftsteller in neues Licht zu rücken. Tragisch an Paul Ernst ist nicht so sehr sein Unverstandensein als des Dichters ungeheures Mißverständnis seiner selbst. In seinen Dramen, vor allem den von Gedankenfracht überlasteten Tragödien, sah er Mittelpunkt, ja Krönung seines Schaffens. Es ist nicht anzunehmen, daß diese noblen, von strengem Ethos erfüllten, aber un-sinnlichen und aus einem gespannten Willen hervorgetriebenen Bühnenwerke je die Wirkung hervorrufen, die ihr Schöpfer ihnen wenigstens für die Zukunft zutraute. Auch das riesige Alterswerk des Kaiserbuchs ist mit seinem monotonen Versgeklapper genauso unlesbar wie die höfischen Ritterepen.

Bedeutend ist vieles an Ernsts theoretischen Schriften. Er war ein profunder Kenner der abendländischen Bildungstradition und hat sich Einblicke in die Strukturgesetze der Dichtungsformen erworben, die (nach Karl Schefflers Meinung) denen von August Wilhelm Schlegel ebenbürtig sind.

Sein Rang als Erneuerer der strengen, von Boccaccio und den anderen alten Italienern herrührenden Novelle ist unbestreitbar. (Diese Bedeutung teilt er mit Bergengruen, der ihn schätzte.) Das wird gelten, auch wenn manche seiner (rund dreihundert) Geschichten, namentlich aus seiner letzten Zeit, zu sehr im Skizzenhaften und Abstrakten verbleiben.

Damit sind wir bei der ersten Neuerscheinung: Sie greift in den Reichtum der Novellen und stellt daraus eine Anzahl der frühen Geschichten erneut vor: Paul Ernst: „Der Mann mit dem tötenden Blick.“ Verblüffend: Fast die Hälfte der ausgewählten Geschichten sind zwischen einem alptraumhaften Surrealismus und einer unbarmherzigen Nüchternheit angesiedelt; der Herausgeber verweist nicht zu Unrecht auf Kafka. Das wird viele Leser stutzig machen und Interesse für den Dichter wecken.

Daß mit diesem Hinweis nicht der ganze und nicht der „eigentliche“ Paul Ernst erfaßt wird, ist dabei weniger wichtig, als daß der vergessene Dichter überhaupt neu ins Bewußtsein gerückt wird.

Noch etwas überrascht: Der in Auszügen mitgeteilte Kurzroman aus dem Nachlaß, „Wie die Flügel brechen“, besteht fast ganz aus inneren Monologen; auch darin erstaunlich modern.

Ernsts große Grundfrage: „Warum leben die Menschen?“ wird hier noch aus verzweifeltem Nihilismus erörtert. Später wird seine Antwort anders aussehen.

Die Paul-Ernst-Gesellschaft gibt Jahresgaben heraus, von denen zwei als einbändige Buchveröffentlichungen vorliegen.

Christian Schwinger hat in Ernsts Novellen verschiedene Darstellungsweisen gefunden, die er an je einem Beispiel darstellt: die metaphorische, die chiffrenhafte, die symbolische und die perspektivische. Er gibt exakte Interpretationen. Manchmal wirken sie für mich etwas überzogen; sie richten den Blick zu sehr auf die Konstruktionselemente und verstellen damit den auf die künstlerische Qualität – aber das entspricht wohl dem Streben der Germanistik nach Objektivität. (Paul Ernst ist in einem Aufsatz nicht sehr glimpflich mit ihr umgegangen.)

Die Vorträge wirken demgegenüber persönlicher, unmittelbarer. Georg Noth zitiert in seiner schönen Erläuterung von Ernsts letztem Gedicht eine Erinnerung des Dichters aus seinen Berliner Studentenjahren. Er hat damals das Schicksal Berlins vorausgeahnt: „Ich muß eine Art kindlicher Hellsichtigkeit gehabt haben. Ich sah die Stadt zerstört und in verwitternden Ruinen“ (geschrieben 1930).

In seiner Berliner Zeit stand Ernst dem Naturalismus, weltanschaulich dem Marxismus nahe: Er war mit Arno Holz und Georg Lukács befreundet. Damals schrieb er Dramen, ganz im naturalistischen Stil, vor allem eine Reihe Einakter, auf die der von Holz und Schlaf propagierte „Sekundenstil“ und Ibsens analytisches Verfahren einwirkten. Von seinen insgesamt fünfzehn Einaktern (zu den naturalistischen traten später solche symbolistischer Färbung) hat Karl August Kutzbach acht bisher unveröffentlichte Dramen herausgegeben. Es handelt sich um straff gebaute dramatische Skizzen. Fragt man sich, ob mit ihrer Herausgabe unser Besitz an großer Dichtung wirklich vermehrt worden ist, wird man mit der Antwort zögern. Interessant sind sie sicherlich. Aber den Hauptwert des Buches sehe ich in dem literaturgeschichtlich höchst fesselnden, kenntnisreichen und gut geschriebenen Essay des Herausgebers, der wohl der beste Kenner Paul Ernsts Werke ist.

Vorbehaltlos kann man der Neuausgabe einer der bekanntesten und mit Recht am meisten anerkannten Novellensammlungen Ernsts zustimmen, seinen Komödianten- und Spitzbubengeschichten.

Diese heiteren Geschichten, die im Rom des frühen siebzehnten Jahrhunderts spielen, entstanden zwischen 1913 und 1916. Es sind vielfach kleine Meisterstücke. Sie sind weder historisch noch realistisch, aber von einer spielerischen Heiterkeit, die sich weit eher aus ästhetischen als ethischen Gesetzen herleitet.

In der Welt der Gauner und Taschendiebe und der Komödianten des Volkstheaters der Commedia dell’arte agieren Typen, keine psychologisch erfaßbaren Individualitäten, denen etwas graziös Marionettenhaftes eignet. Von ferne klingt Mozarts „Così fan tutte“ an.

Ich fragte mich seit Jahren, warum sich kein Taschenbuchverlag dieser liebenswürdigen Schelmengeschichten annimmt. Jetzt liegen sie endlich wieder vor, wie ursprünglich wieder auf zwei selbständige Bände aufgeteilt, mit Paul Ernsts alten Vorreden von 1920, als sie zuerst erschienen – auch mit den omamental verspielten, einem späten Jugendstil verhafteten Umschlagzeichnungen von Else Ernst, der Frau des Dichters (von deren eigenen erzählerischen Arbeiten auch einiges wiederzuentdecken wäre).

Mit dieser neuen Ausgabe ist etwas Seltenes geglückt: schöne, bequem zu lesende Bände, die zugleich (ohne daß das störend in Erscheinung träte) wissenschaftlichen Anforderungen genügen. Es handelt sich nämlich um textkritische Editionen, denen Kristian Wachinger einen sauber gearbeiteten Lesarten-Apparat und die notwendigen bibliographischen Anmerkungen beigegeben hat, die aber das Lesevergnügen germanistisch unbelasteter Leser in keiner Weise stören. Die Vorreden zeigen, wie hinter dieser schillernden Seifenblasenwelt auch Zeitbezüge, ja, schneidende Kulturkritik aufgefunden werden können.

Martin Kießig