Stimmt es denn, so wird man bei Eröffnung einer Internationalen Buchmesse fragen dürfen, daß sich auch die Literatur den Gesetzen des Wachstums unterworfen hat: also der Progression von der Hauswirtschaft zur Weltwirtschaft? Gleichsam als Fortschreiten zwar nicht „im Bewußtsein der Freiheit“, doch von der Hausliteratur zur Weltliteratur. Hat es sich also verhalten, dann hat es der große Frankfurter bereits vorausgesagt.

Der Ausdruck Weltliteratur stammt vermutlich von Goethe; jedenfalls wurde er durch ihn bekannt, so wie ihm auch der Terminus „Autobiographie“ die Karriere verdankt. Es hat in der Tat mit einem noch unangefochtenen Karrieredenken zu tun, wenn man in Weimar und im Jahre 1827 nachsinnt über die Möglichkeiten einer künftigen Weltliteratur. Fortschrittshoffnung scheint noch keinen Unterschied zu sehen zwischen der Markterweiterung und der Literaturerweiterung. Goethes Denken ist auch hier gebannt vom Bild einer Einheit aus Natur und Gesellschaft, Erweiterung der menschlichen Begegnungen und Ausdehnung der Literatur zur großen Menschheitssynthese.

Das liest sich so: „Überall hört und liest man von dem Vorschreiten des Menschengeschlechts, von den weiteren Aussichten der Welt- und Menschenverhältnisse. Wie es auch im ganzen hiermit beschaffen sein mag, ... will ich doch von meiner Seite meine Freunde aufmerksam machen, daß ich überzeugt sei, es bilde sich eine allgemeine Weltliteratur, worin uns Deutschen eine ehrenvolle Rolle vorbehalten ist.“

Das Zitat ist wohlbekannt, fast allzu sehr. Eben darum sollte; man ihm, als einem Argument für das Wachstumsdenken, eher mißtrauen. Lassen wir den Bereich der Sach- und der Zweckbücher, auch der Wissenschaft. Sprechen wir von dem, was Goethe vor allem wichtig erschien: von der sogenannt Schönen Literatur, wie man damals unbekümmert zu sagen pflegte, als man von einem „guten Buch“ zu sprechen wagte, und dabei in den meisten Fällen danebengriff. Belletristik heißt das wohl auch heute noch.

Nun denn: marschiert sie wirklich im Schritt und Tritt der Welt- und der Mondfahrer, vielleicht mit der von Linguisten eingeräumten Alternative, daß sich Literatur einer Sprache des „code elabore“ bedient? Goethe jedenfalls hatte es sich anders vorgestellt. Seine lieben Deutschen sollten einen ehrenvollen Platz einnehmen in der künftigen Weltliteratur. Also doch wohl als Deutsche und als Schöpfer wie Leser einer Literatur unserer deutschen Sprache. Eine große Synthese der Verschiedenartigkeiten wurde erstrebt. Begegnung auch im Dissens, auch im Mißverstehen. wobei die Begegnung zwar keinen Konsens bewirken würde, doch ein Verstehen der Anderen, und damit auch der eigenen Besonderheit. Das nur konnte Weltliteratur für ihn bedeuten, und nichts anderes. Am 5. April 1830 kommt man in Weimar noch einmal auf das offenbar bedrängende Thema zurück. Damals hätte Goethe kaum noch zwei Jahre zu leben. Er formulierte klar und in Kenntnis aller künftigen Disharmonien: „Denn daraus nur kann endlich die allgemeine Weltliteratur entspringen, daß die Nationen die Verhältnisse aller gegen alle kennenlernen, und so wird es nicht fehlen, daß jede in der anderen etwas Annehmliches und etwas Widerwärtiges, etwas Nachahmenswertes und etwas zu Meidendes antreffen wird.“ Etwas Annehmliches und etwas Widerwärtiges ... Man kann es nicht besser sagen.

Es stimmt aber nicht. Nicht biblisch geht es zu in der Literatur: Prüfet alles und behaltet das Beste. Was ist das Beste jeweils: für den Anderen und die andere Nation? Merkwürdig, das harmonisierende Schreiben, das beredt vom Glück im Winkel und von den Vorzügen einfachen Lebens zu schwärmen weiß, hat jeweils bloß für den Augenblick gewirkt, und nichts bewirkt. Fußnoten der Literaturgeschichte. An der Liste der Nobelpreisträger läßt es sich manchmal illustrieren. Nichts hat der Stockholmer Akademie solche Schwierigkeiten bereitet, wie die Formel in Alfred Nobels Testament, daß man eine Literatur des „Idealismus“ auszeichnen möge. Idealistische Literatur ist nur selten gute Literatur. Das böse Wort des französischen Akademikers und guten Dichters Paul Valéry stimmt in den meisten Fällen: „Die Optimisten schreiben schlecht.“

Just das „Widerwärtige“, mit Goethe zu sprechen, dominiert in der Literaturgeschichte aller Sprachen und Völker. Weltliteratur: das waren zumeist die Neinsager und Nestbeschmutzer. Der hochangesehene Paul Valéry, um ihn abermals zu nennen, hielt in Genf und im Herbst 1939, als Botschafter französischer Literatur in der befreundeten Schweiz, einen offiziellen Vortrag. Ich habe ihn gehört. Valéry sprach über „Villon und Verlaine“. Also über einen Galgenvogel aus dem 15. und ein mieses Subjekt aus dem bürgerlichen 19. Jahrhundert.

Auch bei Übernahme von Werken einer Nationalliteratur, um diesen fragwürdigen Ausdruck zu gebrauchen, in eine andere Sprache und Literatur geht es ganz ungoetheanisch zu. Man übernimmt, wie sich erweist, durchaus nicht das Angenehme und Nachahmenswerte, um das Widerwärtige zu meiden. Keineswegs: man rezipiert und reflektiert das Widerwärtige. Auch für ihn selbst, auch für Goethe, gilt das nach wie vor. Irritierend und faszinierend bleibt, gerade außerhalb deutscher Bereiche, die zornige Unmutsdichtung des „Westöstlichen Divan“, das unverkäufliche Skandalwerk der „Wahlverwandtschaften“, die Obszönität und Blasphemie des „Faust“. Goethe wußte, warum er

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den Zweiten Faust versiegelte und erst post mortem zu edieren befahl.

Man bewundert die kostbaren und vielbesuchten Ausstellungen des Europarats: wie oft feierten sie die Skandale von einst. Königin Christine von Schweden und ihr Gast Descartes. Ein Ereignis als Stockholmer Ausstellung. Ärgernis aber durch und durch im 17. Jahrhundert: moralisch, philosophisch, theologisch. „Tendenzen der Zwanziger Jahre“ in Berlin. Auch ein Projekt der europäischen Integration. Da hatte man sie alle zusammen: die Neinsager und Pinscher, die Entarteten, die vaterlandslosen Gesellen. Künftige Horrorobjekte, als Abschreckung demonstriert und aus den Museen entfernt. Künftige Emigranten und KZler. Erschlagen, verboten und verbrannt.

Es gibt noch eine andere Paradoxie zu bedenken, fragt man nach den Möglichkeiten einer europäischen Literatur. Ebensowenig wie der nachahmenswerten und wohlmeinenden Literatur nämlich ist die große Karriere einem Schreiben vergönnt, welches betont weltfreundlich und kosmopolitisch daherkommt. Auflagen und Honorare täuschen manchmal über diesen Sachverhalt hinweg. Der Emigrant Emil Ludwig konnte behaglich in der Schweiz leben. Robert Musil hatte nicht viel zu beißen, und dabehalten wollte man ihn auch nicht, in der Eidgenossenschaft. Emil Ludwig schrieb über Napoleon und Goethe, auch über den Menschensohn. Musil kam nicht von Kakanien los, von einem ersten Vorkrieg, von den verjährten Verbrechen und den fast vergessenen Dummheiten oder Bosheiten der Politiker und der Snobs. Heute ist Emil Ludwig zur Fußnote geworden, und Musil, was er übrigens voraussah, zu einem der verhaßten Großschriftsteller.

Wie ging das zu? Es hat nicht allein mit Dimensionen des Talents zu tun, sondern demonstriert einen sonderbaren Sachverhalt der literarischen Rezeption. Man muß ihn bedenken, wenn von grenzenüberschreitender Literatur gesprochen werden soll. Die Grenzen nämlich des eigenen Milieus, der vertrauten Landschaft, sogar der eigenen Sprache überschreitet Literatur dann am ehesten, wenn sie es nicht gewollt hat. Es gibt eine schöne, übrigens wahre Geschichte, die das illustriert. Thomas Mann hat sie aufgezeichnet. Das war beim Bankett für die Nobelpreisträger des Jahres 1929. Der Laureat Thomas Mann saß neben der schwedischen Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf. Man sprach über „Buddenbrooks“ und „Gösta Berling“. Die einstige Lehrerin aus dem Värmland bekannte, beim Schreiben ihres ersten Romans habe sie geglaubt, das sei „etwas zum Lachen“. Sie war 32, als der „Gösta Berling“ im Jahre 1891 erschien. Fünf Jahre später lag diese entlegene Geschichte aus einer fast unbekannten Landschaft bereits in deutscher Übersetzung vor. Ein Weltbuch. Nobelpreis im Jahre 1909. Der Laureat von 1929 hörte es voller Freude. Auch er hielt, beim Schreiben von „Buddenbrooks“, sein Geschreibe für ein Erzählen von lokaler Bedeutung, das der Familie großen Spaß machte, wenn der Vierundzwanzigjährige daraus vorlas, und man an Tante Elisabeth dachte, sobald Toni Buddenbrook auftrat. Auch diese Familiengeschichte aus Lübeck, worin der Name der Stadt niemals fällt, ging hinaus in die Welt, überschritt Grenzen, paßte sich den Sprachen aller Kontinente an.

Das wiederholt sich immer wieder. Die sorgfältig beschriebene Nähe hat alle Ferne in sich aufgenommen, und damit zugleich dialektisch aufgehoben. William Faulkners Erzählen aus der Nähe des amerikanischen Staates Mississippi; die Brücke über die Drina bei Ivo Andrić; das kolumbianische Heimatdorf des Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez, das er „Maconda“ nennt.

Immer wieder kleine Nähe und Einsamkeit, Unglück im Winkel: aufgenommen von Lesern, die sich wiedererkennen, noch in der Ferne. So entsteht Weltliteratur, ganz gewiß. Allein sie entäußert sich vorerst nur in den Lesern, und in der synthetischen Überschau der Handbücher.

Läßt sich mehr wollen und erreichen? Eine literarische Gemeinschaft nämlich, die sich als zusammengehörig empfindet, und danach handelt? Ein Konsens zwischen den Neinsagern und den Einsamen einer fernen Nähe. Ist sie überhaupt wünsehenswert? Mit Wachstumsplänen jedenfalls hat sie wenig zu tun, auch nicht, das wissen wir alle, mit den Aufgaben einer Buchmesse.

Dennoch hat es das einmal gegeben in unserem Jahrhundert: eine gemeinsame und engagierte europäische Literatur. Keineswegs am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Zwar erschienen im ersten Halbjahr 1914 zwei Erzählwerke, die alles voraussagten. In Paris von Anatole France die „Révolte des Anges“, worin voltairianische Aufklärung sich anlegt mit dem Gott des Alten Testamentes und mit seinen französisch-wohlmeinenden Bourgeois. Auch der „Untertan“ von Heinrich Mann war rechtzeitig fertig geworden zur letzten Phase dieses Kaisers und seiner Gefolgschaft. Ein Teilabdruck war noch möglich: dann mußte man, mit der Publikation, bis zur Niederlage von 1918 warten. Anatole France erhielt den Nobelpreis 1921 für das Buch vom Frühjahr 1914. Beide Male blieb das einsame Literatur, die niemand wahrhaft ernst nahm. Zu schweigen von irgendeiner Gemeinsamkeit zwischen France und Heinrich Mann. Der Autor des „Untertan“ äußerte sich mehr traurig als befriedigt, wenn er nach der deutschen Katastrophe von 1945 feststellte: Jedesmal wenn Deutschland einen Krieg verliert, wird mein ,Untertan’ neu aufgelegt.“

Der PEN-Club, den man in den Zwanziger Jahren gründete, um wenigstens das Gespräch anzustreben zwischen den Autoren der Welt, hat schon damals wenig ausgerichtet. Man war zu weit voneinander entfernt: innerhalb wie außerhalb der nationalen Clubs. Pluralismus ist keine Synthese. Auch das Jahr 1933 verstrich, ohne daß es Solidarität gegeben hätte: nicht bloß mit einzelnen Emigranten oder Häftlingen des Terrors, sondern gegen die Büttel einer Politik der literarischen Brandopfer. Die offiziellen Dithyrambiker eines erwachten deutschen „Schrifttums“, wie man damals formulierte, weil der Ausdruck „Literatur“ zu dekadent war, wurden hinausgeworfen aus dem PEN-Club, das immerhin: nachdem der Emigrant Ernst Toller in Dubrovnik seinen Kollegen Bericht gab. Mehr konnten sie nicht tun, die Literaten, in einer Zeitströmung des blinden oder auch scharfsichtigen Appeasement.

Dann aber marschierte der General Franco mit vier Kolonnen gegen Madrid, um die spanische Demokratie zu beseitigen. Eine fünfte Kolonne stand gleichfalls bereit: mitten im republikanischen Lager. Damals geschah, was singulär geblieben ist, aber durchaus nicht folgenlos im literarischen Leben und Bewußtsein unseres Jahrhunderts. Solidarität der großen Schriftsteller: über Grenzen der Sprache, der Tradition, des jeweiligen Ausdruckszwanges hinweg. Solidarität womit? Durchaus nicht mit der Revolte, sondern als Verteidieiner bedrohten, jedoch zugleich brüchigen mit einer spanischen Freiheit, das wußten die meisten ihrer Verteidiger, die besser hatte sein können. Die Neinsager standen zusammen zur Verteidigung und damit auch zur Affirmation. Sie standen zusammen nicht allein mit ihren Büchern, sondern mit Leib und Seele: in Spanien.

Vielleicht wird deutlich, was hier erinnert werden soll, wenn Namen aufgerufen werden und Buchtitel. „Wem die Stunde schlägt“ von Hemingway und der Roman „L’Espoir“ von André Malraux, dem Freund unseres Freundes Manès Sperber. Brechts „Gewehre der Frau Carrar“ und Stephen Spenders „Poems from Spain“; Sartres meisterhafte Erzählung „Le mur“ und das „Spanische Testament“ von Arthur Koestler. Ludwig Reim und Willi Bredel, jener Engländer Eric Blair, der unter dem Namen George Orwell schrieb und noch vor der großen Rückschau auf die Erfahrungen in Iberien, auch die Erfahrung einer schweren Verwundung, dankbaren Abschied nahm von den besiegten und verratenen Republikanern mit seinem Buch „Homage to Catalonia“ von 1938.

Besiegt und verraten. Besiegt durch die Fünf Kolonnen und die Legion Condor. Besiegt auch von innen. Nicht allein durch die Fünfte Kolonne, sondern auch durch den Stalinismus, dem es, je länger der spanische Krieg andauerte, weit mehr darauf anzukommen schien, nicht die aufständischen Generale zu besiegen, sondern die „Trotzkisten“, was immer das sein mochte. Auch daran zerbrach diese singuläre europäische Literatur einer Verteidigung der Demokratie. Es ist gut, denkt man an das heutige Spanien, dies alles zu erinnern. Es ist auch notwendig, wie mir scheint. Diese europäische Literatur, besiegelt mit dem Blut eines großen Dichters: Federico Garcia Lorca, hat die wütende Verzweiflung von damals nicht vergessen können: bis heute nicht. Spender und Malraux und Koestler, wie viele noch, mißtrauten fortan allen Aufrufen und Manifesten. Sie konnten die politischen Kommissare einer ideologischen Rechtgläubigkeit nicht vergessen, die überall in ihren Büchern vorkommen: auch bei Hemingway, wenn man zu lesen versteht.

Als Folge entstand jene heutige Weltliteratur der Gegenutopien. Als Literatur der Verlorenen Illusionen: unbereit, noch einmal den Versuch zu machen mit dem-Prinzip Hoffnung und mit einer Gemeinschaft der Literaten, der Künstler und der Intellektuellen. Zwei weltberühmte Bücher sind undenkbar ohne die spanischen Erfahrungen ihrer Schreiber: „Darkness at noon“, also „Sonnenfinsternis“ von Arthur Koestler, und die „Animal Farm“ von George Orwell, die so bekannt wurde, daß ein Kernsatz daraus zitiert zu werden pflegt, ohne daß man im allgemeinen weiß, wer ihn nie-, dergeschrieben hat. Der als Parodie einstiger Menschenrechtsverkündigung formulierte bittere Satz: „All animals are equal – but some animals are more equal than others.“

Einem aus der glanzvollen Schar jener hoffnungsvollen, dann desillusionierten Schriftsteller wird man in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels überreichen. Ich möchte, nach fast fünfzig Jahren der Bekanntschaft, der Nähe und Ferne, der Weimarer Zeit und des Exils, auch gemeinsamer Arbeit, die schließlich Freundschaft wurde, meinem Zeitgenossen Manès Sperber von Herzen Glück wünschen.

Noch ein anderes weltberühmtes Buch, von dem hier zum Abschluß gesprochen werden soll, ist undenkbar ohne jene europäischen Erfahrungen der Dreißiger und Vierziger Jahre. Kaum ein Dutzend Wochen trennen uns und unsere Buchmesse vom Jahr 1984, dem Orwell-Jahr, wie allenthalben bereits geraunt wird. Die Frankfurter Buchmesse des nächsten Jahres 1984 soll unter dem Thema „Orwell 2000 stehen: wohl mit Recht. Ein politischer Kommentator sagte neulich im Rundfunk: „Das Orwell-Jahr klopft an die Pforten!“ Nun, das ist genau jener „newspeak“ aus George Orwells Roman „Nineteen Eighty-Four“. Er schrieb den Roman als todkranker Mann in einem Jahr mit fast ähnlicher Zahlenkombination, nämlich im Jahre 1948. Newspeak ist ein Gemisch aus Gequatsche und Klischee. Es soll die Sprache so vereinfachen, daß sie kein Denken mehr zuläßt, damit auch kein Nachdenken, und damit auch keine Literatur. Das „newspeak“ dient, wie jeder Orwell-Leser weiß, dem „doublethink“, also einem Denken mit auswechselbaren Überzeugungen. Das mag beginnen unter der allgegenwärtigen Aufsicht des Großen Bruders, doch wird es sich mit der Zeit verinnerlichen. Man paßt dann die Meinungen, die noch übriggeblieben sein sollten, von selber den jeweiligen Gegebenheiten an. Unser deutscher Fachausdruck „Freiwillige Selbstkontrolle“ ist bester Orwell, nach Orwell.

Dies ist vielleicht der tiefste Widerspruch in aller heutigen Literatur: daß sie nicht mehr weiß, ob es das in der Zukunft noch geben wird: ein Schreiben, das hoffen möchte, etwas aus der Sterblichkeit ins Überleben zu transportieren. Günter Grass fragte vor kurzem sehr mit Recht, ob es noch sinnvoll sei zu schreiben: im Angesicht einer Gefahr, daß nichts davon auf irgendeine Nachwelt kommen wird. Alle Literatur ist insofern utopisch, als sie sich anstemmt, mit Ernst Bloch zu sprechen, „gegen die härteste Nicht-Utopie“, gegen den Tod. Beides sollte nicht vergessen werden – weder die Gefahr der freiwilligen Selbstzensur, noch jene eines möglichen Endes aller Literatur.

Vielleicht wiederholt sich demnächst, unter glücklicheren Auspizien, das einzigartige Phänomen einer Gemeinschaft der europäischen Literatur: in Erkenntnis einer gemeinsamen Gefahr. Große Brüder gibt es allenthalben in der Welt, das wissen wir. Allein es gibt nur eine Literatur, eine freie nämlich: ohne newspeak und doublethink. Auch, und gerade, wenn sie bedroht ist.

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Wortlaut des Vortrages, den Hans Mayer zur Eröffnung der Buchmesse in Frankfurt hielt.