ARD, 23., 24., 31. Oktober, 21, 7., 14., 21., 23., 28. November, jeweils 20.15 Uhr: Rote Erde“, Fernsehfilm in neun Teilen von Peter Stripp (Buch) und Klaus Emmerich (Regie)

Schwermütige Sehnsucht signalisiert die Titelmusik von Irmin Schmidt, zu der sich im Bild bräunlich-graue Rauchschwaden wuchtig türmen. Schwarz jedoch bleibt die vorherrschende Farbe des WDR-Neunteilers „Rote Erde“ (Redaktion: Wolf-Dietrich Brücker). Nicht nur, weil sich hier alles um das „schwarze Gold“ des Ruhrgebietes dreht. Nicht nur, weil erhebliche Teile des insgesamt zehnstündigen Films unter Tage spielen, „vor Ort“ an den Kohleflözen, in den dunklen Streben und Strecken eines Bergwerks. Nicht nur, weil der klebrig-schwarze Staub Gesichter und Kleidung der Bergleute ständig bedeckt. Sondern vor allem, weil der Autor Peter Stripp („Die Tannerhütte“) und noch mehr der Regisseur Klaus Emmerich („Kreutzer“, „Trokadero“) die schwarze Fahne der Anarchie in einer Weise hochhalten, die im Deutschen Fernsehen alles andere als gang und gäbe ist.

Hohngelächter erntet der SPD-Funktionär, als er 1919, nach jahrelangen Verhandlungen mit den Unternehmern, den „Sieg“ verkündet: Anerkennung der Gewerkschaft, Acht-Stunden-Schicht, Lohnerhöhung. Dem Politiker recken sich die geballten Fäuste der Kumpel und ihrer Frauen entgegen, die mit dem Gewehr in der Hand ihren „Pütt“, die Zeche „Siegfried“, besetzt haben, um die von der Räterepublik propagierte Selbstverwaltung zu verwirklichen: „Anarchie, Anarchie, Anarchie“, tönt es unisono. Wenig später marschiert Militär vor der Zeche auf. Die Gewehre im Anschlag, stehen sich Deutsche und Deutsche gegenüber. Maurice, dem französischen Soldaten und Bergmann, den die deutschen Kumpel einst vor einer standrechtlichen Erschießung bewahrten, treibt es die Tränen in die Augen: „C’est complètement fou!“

Neben der klaren politischen Position, die die Macher der Serie vertreten, verblassen beinahe die Superlativen statistischen Fakten dieser mit 15 Millionen Mark Herstellungskosten teuersten Unternehmung in der Geschichte des deutschen Fernsehens: 164 Drehtage, 68 Kilometer belichteter Film, 70 Darsteller, 500 Komparsen, ein 45köpfiges Team – und eine auf dem Münchener Bavaria-Gelände von Helmut Gassner erbaute Bergarbeiter-Siedlung samt Zeche, komplett mit Fördertum und Untertagebau.

Ungewöhnlich erscheint bei diesem Projekt, das nahezu einen gesamten Jahresetat der Abteilung Fernsehspiel des WDR verschlang, auch die konsequente Besetzung mit relativ unbekannten, relativ jungen, aber talentierten (Theater-)Schauspielern, von denen viele aus dem Ruhrgebiet stammen. Doch nicht allein die Massierung neuer, unverbrauchter Gesichter macht „Rote Erde“ zu einem erfrischenden Fernseh-Ereignis. Seltsamerweise macht gerade der Rückgriff auf bewährte Kino-Traditionen den spezifischen Reiz der Serie aus. Stripp und Emmerich verfallen nicht in sozialromantischen Naturalismus, sondern stilisieren die durch die Produktionsbedingungen schon vorgegebene Künstlichkeit so stark, daß sie jenen „emotionalen Realismus“ erreichen, der bessere Hollywood-Filme so stimmig machte und macht. Hier wird kein „volkshochschulhafter Geschichtsunterricht erteilt“ (Emmerich), hier werden Geschichten unmittelbar über die handelnden Figuren und deren Gefühle erzählt – Geschichten, die allerdings ganz konkrete historische Hintergründe haben.

Den Zeitraum von 1887 bis 1919 umfassen die neun Teile der „Roten Erde“, die in rascher Folge innerhalb eines Monats gesendet werden – ohne die sonst üblichen Inhaltszusammenfassungen am Anfang, denn jeder Teil ist in sich so konzipiert, daß er auch ohne Kenntnis der anderen verständlich wird. Um den pommerschen Bauernjungen Bruno Kruska (Claude Oliver Rudolph) herum, der als 15jähriger in den „Goldenen Westen“ kommt, wie man den Ruhrpott damals nannte, flechten Stripp und Emmerich die zahlreichen Handlungsfäden über die Arbeits-, Lebens- und Überlebenskämpfe der Kumpel und ihrer Familien.

Neben Brunos Landsmann und Freund Otto Schablowski (Ralph Richter) und der freimütigen Witwe Erna Stanek (Karin Neuhäuser) steht vor allem die Familie des alten preußischen Bergmanns Friedrich Boetzkes (Horst Ch. Beckmann) im Vordergrund. Dessen Sohn Karl (Dominic Raacke) entzweit sich mit dem konservativen Vater und bringt es bis zum SPD-Reichstagsabgeordneten; Sohn Herbert (Dieter Brandecker) wird bei einem Streik erschossen, Sohn Willi (Hans Hildebrandt) kommt bei einer Schlagwetter-Explosion ums Leben; Tochter Pauline (Vera Lippisch) heiratet Bruno, Tochter Friedel (Patricia von Miseroni) wird zur Prosti-(Patricia und Ehefrau Käthe (Angelika Bartsch) läßt sich zeitweise mit dem Zechenbesitzer Rewandowski (Walter Renneisen) ein.