Von Fritz Müller-Scherz

Als ob es heute in Deutschland keine anderen Filme zu machen gäbe: Das Schicksal der Marianne Bachmeier, die in einem Lübecker Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter erschoß, wird für insgesamt fünf Millionen Mark zur selben Zeit gleich zweimal verfilmt. Beide Regisseure haben ein enges Verhältnis zur Justiz, allerdings aus verschiedenen Perspektiven: In Hamburg dreht der studierte Jurist und Assessor Hark Böhm seinen Beitrag zu dem spektakulären Thema unter dem Titel: „Keine Zeit für Tränen“, während in München das Konkurrenzwerk „Annas Mutter“ entsteht, hergestellt von Burkhard Driest, ehemals Jurastudent, später Bankräuber mit dreieinhalb Jahren Zuchthauserfahrung. Bei Driest wird Marianne Bachmeier von dem neuen deutschen Star Gudrun Landgrebe („Die flambierte Frau“) dargestellt. Bei Böhm spielt jetzt die österreichische Schauspielerin Marie Colbin, nachdem neben anderen Besetzungsüberlegungen auch Marianne Bachmeier als Selbstdarstellerin im Gespräch gewesen war. Driests Dreimillionenfilm ist frei finanziert, während Böhms Produktion weitgehend von öffentlichen Förderungsmitteln getragen wird.

Ein von den Beteiligten treuherzig dementiertes und von den Medien publizistisch angefeuertes Produktionswettrennen hat begonnen. Böhms Wettbewerbsbeitrag soll im April nächsten Jahres mit etwa hundert Kopien in die deutschen Kinos kommen (Verleih: „Filmverlag der Autoren“, noch in den Händen von Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein), Driest – bis jetzt noch eine Nasenlänge vorn – mit 150 Kopien im März 1984 (Verleih: „Jugendfilm“).

Übernächtigt und mit kleinen roten Augen hinter der Metallrandbrille, aber offenbar glücklich, sitzt Regisseur Hark Böhm in seinem Produktionsbüro im Hamburger Filmhaus in Altona. „Warum ich den Film mache? Darauf hätte Volker Schlöndorff, bei dem ich anfänglich gelernt habe, geantwortet: Danach müssen Sie meinen Analytiker fragen.“ Dann deutet er es doch noch an: „Der erste Kick, mich mit der Geschichte zu beschäftigen, entstand, als ich damals Vater einer Tochter wurde. Das war eine Art Rausch, als Vater ein Neugeborenes zu erleben. Und dann liest man in der Zeitung, eine Frau erschießt im Gerichtssaal den Mörder ihres Kindes. Da hast du zunächst eine gefühlsmäßige Bereitschaft, diese Frau anzuerkennen, und gleichzeitig weißt du, daß du das nicht darfst, dann fängst du an nachzudenken. Das wird sicher ein wesentlicher Aspekt meines Films sein. Dann kommt noch die intellektuelle Ebene dazu: Die Unfähigkeit der Strafjustiz, die ein beschädigtes Leben nur weiter beschädigt.“

Eineinhalb Jahre seines Lebens habe er damit verbracht, „in diesem ungeheuren und unheimlichen Geflecht von Tatsachen und Gefühlen irgendeine Klarheit zu finden“. So hat er Marianne Bachmeier oft im Gefängnis besucht, den Prozeß täglich verfolgt (einer der heiß umkämpften Stühle in den ersten Reihen wurde ihm stets freigehalten) und ihr Umfeld, ihre Freunde kennengelernt. Und – bei aller Bescheidenheit – fügt Böhm hinzu: „Ich nehme an, daß ich heute zu den Leuten gehöre, die am besten Bescheid wissen – nicht nur über die Tatsachen, sondern auch über die Empfindungen und Emotionen, die Tatsachen produziert haben.“

Jetzt produziert Böhm mit Marianne Bachmeier als „Beraterin“ am Drehort. Gegen das Wort „Beraterin“ hat er was: „Ich muß mich fragen, wo sich ein Mann, der jetzt seit, glaube ich, 14 Jahren Drehbücher und Filme macht, beraten lassen kann von Marianne. Etwas anderes ist, daß Marianne das Projekt, das ich realisiere, unterstützt, soweit sie das kann.“

Daß Marianne Bachmeier, nach wie vor fest im Griff der Medien, durch ihre Mitarbeit an einem Film über ihr Leben und ihre Tat überfordert werden könnte, glaubt Regisseur Hark Böhm nicht: Das sei ein Aspekt, den er immer wieder habe umwälzen müssen: „Ich habe diese Frage mit fachkundigen Psychologen besprochen, die Marianne auch von Berufs wegen sehr genau kennen, und die haben eigentlich mein Unterfangen begrüßt, es als Aufarbeitung eher für nützlich gehalten. Ich habe in keiner Phase ein schlechtes Gewissen oder Angst gehabt, weil ich immer Respekt vor dieser Frau habe, und das weiß sie.“