Von Nina Grunenberg

Fünfmal ist der gebürtige Münchner Friedrich Zimmermann in diesem Jahr auf dem Oktoberfest gewesen. Auf den Rekord ist er stolz. Beim letzten Wies’n-Besuch wurde er auf dem Weg vom Prominenten-Bierzelt "Käfer" zur Toilette genau 37mal um ein Autogramm gebeten. Am nächsten Morgen berichtete er gleich mehrere Male von seinem Erfolgserlebnis. "Das ist auch mal schön", erklärte er, als hätte es einer Erläuterung bedurft.

Popularität ist etwas Neues für Friedrich Zimmermann. Die 26 Knochenjahre, in denen er den Kampf um die Macht zu seinem Lebensinhalt machte, lehrten ihn nicht nur zu loben, sondern auch zu lieben, was hart macht. Politik ist sein Leben, der Bonner Interessenbetrieb sein Metier. Auch die tiefsten Demütigungen konnten ihm das Geschäft nicht verleiden. Gestört hat ihn auch nie, daß er nicht zum Volkstribunen geboren ist, der die Gunst der Massen auf sich zieht. Er blieb immer die scharf kalkulierende, kühl exekutierende Advokatennatur, die von der Herrschaftstechnik fasziniert war, nicht von einer politischen Philosophie oder Gesinnung. Solange sein Platz am politischen Stellwerk gesichert war, hat er achselzuckend hingenommen, daß er in seiner Partei nie glänzende Mehrheiten fand. Seiner Leidenschaft tat es keinen Abbruch, daß er nicht geliebt, sondern nur gebraucht wurde.

Doch in diesem Jahr wurde Friedrich Zimmermann nun schon zum zweitenmal zum Publikumsliebling erkoren – jedenfalls im Rahmen seiner Verhältnisse: das erste Mal bei der Bundestagswahl am 6. März, als er in seinem angestammten niederbayerischen Wahlkreis Landshut als Spitzenkandidat mehr Stimmen für seine Person als für seine Partei, die CSU, erhielt; das zweite Mal im Juli bei den Vorstandswahlen auf dem CSU-Parteitag, als für ihn zweihundert Stimmen mehr gezählt wurden als bei der letzten Wahl. Die 88,7 Prozent, die ihm die Delegierten des Parteitages bescherten, wogen noch schwerer, nachdem Franz Josef Strauß mit nur 77 Prozent ein persönliches Desaster erlebt hatte. Das Kaiser Wilhelm-Motto: "Viel Feind, viel Ehr", auf das sich Zimmermann bislang immer verlassen hat, schien sich plötzlich als Kompaßnadel nicht mehr zu eignen.

Seiner Klientel im Wahlkreis macht der Wandel keine Schwierigkeiten. Für sie ist Fritz Zimmermann das Unterpfand ihrer Macht. Am Morgen nach seinem letzten Wies’n-Besuch hat er auf dem niederbayerischen Bauerntag dreitausend Zuhörer – für einen Montagmorgen ist das auch in Bayern viel. Fritz Zimmermann kommt schnell in Fahrt. Zuerst regen ihn die Wasserspiele auf, die zur Begrüßung sprudeln. "Kruzitürken", schimpft er, "so a Schmarrn." Dann macht ihn die längliche Begrüßung des Bauernpräsidenten ungeduldig, der bewundernd aufzählt, warum ihn Friedrich Zimmermann als Bundesinnenminister erfreut. "Ach was ... Ach, was...", ruft Zimmermann mit seiner Staatsanwaltsstimme dazwischen, "erzähl’ doch was Neues." Geladen knallt er seine Maß Bier auf den Tisch und springt vor Wut auf die Bühne. Parteifreunde überreden ihn, auf seinen Platz zurückzukehren. Dort ärgert Zimmermann sich schwarz: "Sobald die Leute die zweite Maß Bier haben, kannst alles vergessen."

Es tut ihm um seine schöne Rede leid. Ihr Thema: die Waldschäden. Vorsorglich streicht er sie schon um die Hälfte zusammen. Zwar kann er sich darauf verlassen, daß die Bauern in Bayern nichts mehr aufregt als ihr kranker Wald. Nicht nur ihr Naturgefühl ist betroffen, sondern handfeste Interessen: Sie fürchten um die Attraktivität ihrer Fremdenverkehrswirtschaft. Fritz Zimmermanns Wende zum Umweltschützer entsprach deshalb nur ihrer Erwartung und war keine Oberraschung für sie. Aber bei der dritten Maß Bier läßt auch die größte Aufmerksamkeit nach. In Kenntnis seines Publikums beginnt Zimmermann deshalb mit den Worten: "Also lassen wir alle Floskeln weg, alle Höflichkeiten und alle Ungereimtheiten, ziehen wir die Jacke aus und fangen wir gleich an ..." Als er fertig war, klebte ihm das Hemd wie eine Regenhaut auf dem Rücken, aber sein Publikum war zufrieden, die Stimmung hat gehalten. "Gell", freut sich Zimmermann, "ich hab’ sie sauber im Griff gehabt."

Im Griff gehabt hat er seine Klientel auch im Bund. Als Anwalt der schweigenden Mehrheit war er der Star des politischen Sommers. Als Bannerträger aller Wendesüchtigen hielt er die Republik in Atem. Als Erzfeind der Liberalen wärmte er sich die Hände an sämtlichen heißen Eisen, die sie ihm hinhielten.