Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im Oktober

Ich glaube es einfach nicht“, sagte der Genosse, dem es sein Sohn erzählt hatte, „nach dem ‚Sonderzug nach Pankow‘? Das geht doch nicht!“ Die DDR-Bevölkerung ist aus dem Häuschen, sie hat ihre Sensation: Udo Lindenberg tritt am 25. Oktober in Ost-Berlin auf. Ob Mitglied der SED, ob Pfarrersfrau, ob 14jähriger Schüler – alle reden davon, kaum daß sie guten Tag gesagt haben. In dem erwähnten Lied bezeichnet Lindenberg den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, den er „Honey“ nennt, als heimlichen Lederjacken-Rocker, mit dem er sich treffen will, um ihm – bei einem Schluck aus dem mitgebrachten Fläschchen Cognac – zu bitten, im Republik-Palast singen zu dürfen. Nun darf er genau dort auftreten, beim Festival „Für den Frieden der Welt“, zusammen mit Harry Belafonte und vermutlich einigen DDR-Rockgruppen. Und für das nächste Jahr wurde ihm sogar eine Tournee zugesichert.

„Das ist schon verdammt souverän“, fand die Pfarrersfrau, die diese Neuigkeit im Westberliner Rundfunk gehört hatte. „In einem Interview mit einem westlichen Reporter hat Lindenberg selbst mal gesagt, daß er kaum glaube, nach dem ‚Sonderzug nach Pankow‘ in der DDR noch aufzutreten. Ich habe mir gemerkt, was er damals gesagt hat: ‚Es sei denn, die DDR-Oberfreaks erweisen sich als humorig und laden mich endlich ein.‘ Nun haben sie sich als humorig erwiesen. Vielleicht wollten sie zeigen, daß sie eben doch nicht so stur sind, wie er das in seinem Lied behauptet.“

Der 14jährige Schüler hatte es aus dem westlichen Fernsehen erfahren und fragte mich, ob ich ihm nicht eine Karte besorgen könnte. „In meiner Schule finden die meisten den Lindenberg ganz toll. Die machen sich sein Bild hinten mit Nieten auf die Jeansjacken. Oder sie machen sich Anstecker mit seinem Namen drauf. Oder sie schreiben seinen Namen in die Haushefte, ganze Seiten voll mit seinem Namen. Ich würde wahnsinnig gern hingehn!“

Schon ist das Gerücht entstanden, daß schwarz 700 Mark für die Karte verlangt werden. „Wir wollen Klamotten verkaufen, um uns die Karten schwarz kaufen zu können“, erzählte ein junger Mann. „Als Helen Keller hier gesungen hat und Roger Chapman, da haben wir für zwei Karten auch 100 Mark bezahlt. Aber 700 Mark – das glaube ich nicht. So viel könnten wir auch nicht aufbringen.“

Bei all seiner Begeisterung für Lindenberg gefällt ihm der Ton nicht, den der Sänger in dem in der DDR so bekannten „Sonderzug nach Pankow“ angeschlagen hat. Solche Respektlosigkeiten sind DDR-Bürger ihrem Regierungschef gegenüber nicht gewöhnt. „Du weißt, daß ich kein sonderlich linientreuer DDR-Bürger bin, ich bin nicht mal mehr in der FDJ, aber ich finde, so kann man mit Honecker nicht umspringen. Immerhin hat er bei den Nazis ein paar Jahre gesessen. Das ist eine Anbiederei, die mir zu plump ist.“