Die „Kritik der politischen Ökonomie“, wie das Hauptwerk von Marx im Untertitel heißt, gehört zu den meistgenannten Büchern der wissenschaftlichen Weltliteratur. Zugleich ist dieses Buch aber auch eins der am wenigsten verstandenen.

Karl Marx hat sich mindestens vierzig Jahre lang mit den Problemen der Darstellung und Kritik der kapitalistischen Produktionsweise beschäftigt. Die „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“, die Friedrich Engels 1844 in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ veröffentlicht hatte, bildete einen der ersten Anstöße. Schon zuvor hatte Marx damit begonnen, die Texte der „klassischen englischen Ökonomen“ (in französischer Übersetzung) zu studieren. 1844 entstand auch die geniale Skizze seiner Kritik der entfremdeten Arbeit unter den Bedingungen der frühkapitalistischen Klassengesellschaft. Marx sieht den Hauptmangel der neuen, ungemein dynamischen Produktionsweise hier nicht mehr ausschließlich in der Produktion massenhaften Arbeiterelends, sondern vor allem darin, daß die Arbeit immer sinnleerer, „wertloser“ und unangenehmer für die Arbeitenden wird, daß die industrielle Arbeit unter den Bedingungen des Kapitalismus zwar „Wunderwerke für die Reichen“ schafft, daß sie aber auch – unvermeidlich – die Macht des „Kapitals“ über die Arbeit ständig mehrt, indem sie immer größere, mächtigere und produktivere industrielle Anlagen, Maschinen usw. als Kapital erzeugt.

Noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Hegeischen „Phänomenologie des Geistes“ stehend nahm Marx 1844 an, daß die Steigerung des Gegensatzes von lebendiger Arbeit und toter (ackumulierter) Arbeit, die sich in Kapitalgestalt aem Arbeiter gegenüber aufrichtet, schließlich zur Aufhebung und damit zum Sozialismus führen werde. Aus der äußersten Entfremdung, aus dem drückendsten psychischen Elend werde der Umschlag zur vollständigen Wiederaneignung von Natur und Kultur durch die sich emanzipierenden Arbeiter hervorgehen.

Nur diesen, idealistischen, Ansatz hat der spätere Marx aufgegeben, nicht jedoch die Analyse der Eigenart der kapitalistischen Produktionsweise, die anfangs mit dem philosophischen Begriff der „Entfremdung“ umschrieben wurde. Die Kategorie des „Fetischcharakters der Ware“, die gleich zu Beginn des „Kapital“ entwickelt wird, beschreibt nicht mehr die „Entfremdung“ der lebendigen Arbeit, deren Produkt vom Erzeuger nicht als Äußerung seiner eigenen Leistung angesehen und angeeignet werden kann, sondern die Tatsache, daß sich unter den Bedingungen der kapitalistischen Warenproduktion gesellschaftliche Verhältnisse von Personen als Beziehungen zwischen Sachen (Waren) ausdrücken.

Marx war sich durchaus darüber klar: „Wirklich populär können wissenschaftliche Versuche zur Revolutionierung einer Wissenschaft niemals sein.“

Schon im „Kommunistischen Manifest“ von 1848 unterstreicht Marx deutlicher den ungemein fortschrittlichen Charakter der neuen Produktionsweise gegenüber der stagnierenden Feudalgesellschaft und ihren Wirtschaften. In den späteren ökonomischen Arbeiten, in der Kritik von 1859, in den „Grundrissen“ der gleichen Zeit, in den Vorarbeiten von 1861/63, und schließlich im „Kapital“ selbst, wird immer wieder die Entwicklung der Produktivität der Arbeit und damit die Steigerung der Herrschaft der Menschheit über die Natur als „zivilisatorische Seite“ des Kapitalismus herausgestellt. Aus diesem Grunde haben sowohl Marxisten als auch einige der ökologischen Kritiker von Marx ihn als einen unkritischen Anwalt des grenzenlosen industriellen Wachstums mißverstanden. In Wirklichkeit nahm Marx lediglich an, daß die vom Kapitalismus bewirkte Steigerung der Produktivität der menschlichen Arbeit die materielle Voraussetzung für eine klassenlose Gesellschaft schafft, die zugleich ein hohes kulturelles Niveau für alle ermöglicht. Solange nämlich die Arbeitsproduktivität unzulänglich ist, kann kultureller Fortschritt, Entwicklung von Kunst, Literatur, Wissenschaft nur dadurch zustande kommen, daß Teile der Gesellschaft von Arbeit freigestellt werden. Solange die Wirtschaftsordnung aber auf Steigerung der Warenproduktion und Erzeugung von Mehrwert als Voraussetzung allen Profits programmiert bleibt, so die Marxsche These, kann der wissenschaftlich-technische Fortschritt nicht zur Befreiung der arbeitenden Menschen genutzt werden, sondern bleibt ein Mittel nicht nur ihrer Ausbeutung, sondern auch der Zerstörung der Erde.

Der positive Sinn jener in entfremdeter Form vom Kapitalismus aus den Menschen herausgepreßten Leistungen soll erst in einer künftigen Gesellschaft verwirklicht werden. In den „Grundrissen“ beschreibt Marx diesen Charakter der Arbeit in einer befreiten Gesellschaft wie folgt: „1. ihr gesellschaftlicher Charakter ist gesetzt, 2. sie ist wissenschaftlichen Charakters, zugleich allgemeine Arbeit, nicht Anstrengung des Menschen als bestimmt dressierte Naturkraft, sondern als Subjekt, das in dem Produktionsprozeß nicht in bloß natürlicher, naturwüchsiger Form, sondern als alle Naturkräfte regelnde Tätigkeit erscheint...“ Wenn Marx an anderer Stelle davon sprach, daß die „Arbeit abgeschafft“ werden, solle, so meinte er damit die entfremdete Lohnarbeit, die nur höchst einseitige Fähigkeiten (dressierte Naturkräfte) zu entwickeln erlaubt. Der umfassend entwickelte, allseitig gebildete Mensch war das Ideal, das Marx vorschwebte, nicht ein automatisiertes, technologisch ermöglichtes Schlaraffenland.