Von Gerhard Spörl

Wer wenig über sich nachdenkt, muß sich viele Deutungen gefallen lassen. Wer über die Friedensbewegung – strukturlos und schwerlich auf einen Begriff zu bringen – sinniert, läßt sich selber manches dazu einfallen. Deshalb spiegeln die Bewertungen immer auch den Seelenzustand der Bewerter. Die reflexionsbegabten Ahnen aus den sechziger Jahren finden sich in den jugendbewegten Massen der achtziger Jahre nur schwer wieder; die leiden nicht am eigenen Theoriedefizit und haben fast beiläufig die Revolution mit der Apokalypse vertauscht. Konservative Politiker und Publizisten verletzt mehr, wie schnöde die bitteren Notwendigkeiten ignoriert werden, denen der Staat und seine Organe ausgeliefert sind. Weniger polemisch, aber nicht minder bedenklich fällt die Assoziation der Friedensbewegung mit der Jugendbewegung vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts aus: Hochgradig idealistisch und aufgewühlt antibürgerlich war man in jener Zeit auch, doch die ziellose Romantik ließ sich – siehe 1914, siehe die Ausläufer in der bündischen Jugend und bei den Republikfeinden nach dem Krieg – verhängnisvoll manipulieren.

All diese staatsbürgerlichen Bedenklichkeiten, aber auch Anmahnungen aus Sympathie finden sich bei

Christian Graf von Krockow: „Gewalt für den Frieden? Die politische Kultur des Konflikts“; Piper-Verlag, München 1983; 122 S., 9,80 DM.

Wie viele Beobachter fragt sich Krockow, weshalb die neue außerparlamentarische Opposition nicht an ihren Widersprüchen zugrunde geht: eine amorphe Masse aus schier unendlich vielen Einzelnen, die keiner recht steuern kann; ein hoher ethischer Anspruch, der eher blind zur Politik drängt. Krockow irritiert überdies die Selbstgerechtigkeit und Naivität, die aus vielen Bekenntnissen, Pamphleten und Reden dröhnt. Sein schmales Bändchen beschwört dagegen die Demut der Vernunft, die sich Rechenschaft über sich selbst ablegt, ihre Grenzen anerkennt und sich in den Aporien des Daseins bescheiden einrichtet. Weil die Friedensbewegung sich vorzugsweise selbst bespiegelt, reißt Krockow den ehrwürdigen Horizont von Geschichte und Philosophie weit auf. Dabei kann es lange dauern, bis er in die Gegenwart zurückfindet. Am Anfang seines Buches steht das berühmte Zitat von 1794, in dem der blutund ideenselige Robespierre die „Morgenröte der Glückseligkeit“ anbrechen sieht. Daran schließt sich der mehr erdverbundene Lenin an, der den Revolutionären abverlangte, „auf dem Bauch zu kriechen“, um bei Stalin zu enden, dem Vollender des Zynismus, der an der Zahl seiner Opfer den Fortschritt der Geschichte ablas. Krockows Argument, tiefer Geschichtsskepsis entsprungen: Wo so viel Opferwille und Überschwang ausgelebt wird, wo alle Moral für sich selber vereinnahmt wird, muß man fürchten, daß Schlimmes bevorsteht. Das kommt ideengeschichtlich von weit her und schlägt mächtig auf die Protestanten von heute ein: Bedenkt, daß ihr den Bürgerkrieg heraufbeschwören könnt.

Krockow beschreibt nicht, er analysiert nicht, warum heute die Friedensbewegung Staat und Gesellschaft beunruhigt und, aus Krockows Sicht, in glücklich verlassene Zustände zurücktreibt. Er spitzt zu und polemisiert durch die Auswahl seiner Gegenwelt. Tatsächlich ist ein antiurbaner, antizivilisatorischer Impuls in der Friedensbewegung nicht zu übersehen. Aber ungebrochene, geschichtsmächtige Figuren wie Robespierre hat noch niemand ausmachen können. Es gibt die Bürger, die sich emotional von Wissenschaft und Fortschritt abwenden und eigene Zwischenwelten suchen: es gibt, wie immer, die Unruhigen, Unsteten, die nach neuen Ufern Ausschau halten. Aber alle haben dies gemeinsam: Sie sind tief widersprüchlich, suchen die Idylle in der Apokalypse, die Nischen in der sich selber zerstörenden Gesellschaft und möchten – dieses Gefühl wird man nicht los –, daß alles ganz anders wird, aber auch irgendwie so bleibt, wie es ist. Der unumstößlichen ethischen Entschiedenheit wohnen die Freuden der Inkonsequenz inne. Krockow wird von der Einsicht gequält, daß der Herzschlag für das Wohl der Menschheit in der Vergangenheit nur zu oft zur Raserei des Eigendünkels geworden ist. Er steht damit nicht allein. Die Studentenbewegung hatte viele liberale Universitätslehrer und Publizisten erschreckt und zu Mahnern republikanischer Tugenden werden lassen. Das ist ehrenwert und legitim. Es ist aber auch nicht zu übersehen, daß die Burkes und die Poppers, die vor den Anfechtungen der offenen Gesellschaft mahnen, zu Zeiten des Umbruchs in der Bundesrepublik in der großen Mehrheit sind.

Es gehört freilich auch nicht zur akademischen Tradition, sich rasch in die niedere Tagespolitik zu werfen. Krockow stellt eine Ausnahme dar. Das Risiko, sich dabei Blößen geben zu müssen, geht er ein. Er schreibt klar und deutlich. Unbefriedigend bleibt seine Methode. Krockow verläßt sich zu oft darauf, daß die Wucht der Zitate und deren überragende Autoren von selber beeindrucken. Das mag sogar so sein. Aber läßt sich dadurch eine aufmerksame, das Thema umkreisende Gedankenführung ersetzen? Krockow greift tief und ernst in den Zettelkasten gebildeter Lektüre und scheint seinen zweifelnden Lesen! zurufen zu wollen: Bedenkt die Autoritäten! Aber dabei schwebt er beträchtlich über der Wirklichkeit, der er doch Merk-Würdiges mitteilen will.

An der Friedensbewegung läßt sich auch dies für die Geschichte lernen: Es genügt ein mächtig wallendes Lebensgefühl, um Gemeinsamkeit zu stiften. Und manche Generation tut so, als dürfe sie mitten in der Geschichte ganz von vorne anfangen und alles ganz anders als die Vorfahren machen. Nur so, das wäre die Rechtfertigung, läßt sich der Defätismus vermeiden, der sich bei allzu inniger Betrachtung der Vergangenheit aufdrängt. Manch schwieriger Pazifist mag bei Krockows Buch klüger werden. Fraglich ist, ob er daraus lernen will.