Von Joachim Nawrocki

Als zu Anfang dieses Jahres noch eine Findungskommission des SPD-Landesvorstandes in Westdeutschland nach einem Spitzenkandidaten für die nächste Berliner Wahl suchte, erklärte Harry Ristock schon seinen engsten Freunden, daß er sich für eine Kandidatur bereithalte. Die SPD-Führung befürwortete damals eine "westdeutsche Lösung", weil – so Landesvorsitzender Peter Ulrich – niemand antreten sollte, der im Senat des gescheiterten Dietrich Stobbe eine Verantwortung getragen hatte. Harry Ristock hält zwar auch heute noch das Interregnum von Hans-Jochen Vogel, der damals aus Bonn zueilte und bald wieder nach Bonn ging, für eine richtige Entscheidung: "Das hat es der SPD erlaubt, aufrechten Ganges in die Opposition zu gehen." Wiederfinden könne sich die Berliner Partei aber nur, wenn sie den Willen habe, selbst anzutreten – und Ristock wollte antreten.

Wenn die Stadt nur noch durch Zuwanderer zu regieren sei, sagt Ristock, dann stelle sich sehr schnell das Gefühl ein: "Wir können es eigentlich nicht mehr." Deshalb war er für die Berliner Lösung, wohl wissend, daß er in diesem Falle sicherlich der wichtigste Kandidat sein würde. Daß er dann auch der einzige war, hat ihn eher bedrückt; mit einem Gegenkandidaten beim Landesparteitag hätte er es leichter gehabt, meint Ristock; als einziger Herausforderer brauchte er eine überzeugende Mehrheit. Die hat Ristock dann freilich in der vergangenen Woche auch bekommen: Bei 174 Ja-Stimmen, 43 Gegenstimmen und 9 Enthaltungen kürte ihn der Landesparteitag zum Spitzenkandidaten der SPD für die Abgeordnetenhauswahlen im Frühjahr 1985.

Längst hatte sich nämlich gezeigt, daß die "westdeutsche Lösung", das Schweifen in die Ferne, nichts als peinliche Absagen einbrachte. Landesvorsitzender Ulrich hatte unter anderem Volker Hauff, Manfred Lahnstein, Anke Fuchs, Hans Apel, Günter Gaus und Klaus Bölling gefragt. Niemand konnte oder wollte sich zur Verfügung stellen. Im Frühjahr dachte allerdings noch keiner daran, daß der CDU-Bürgermeister Richard von Weizsäcker so bald wieder Berlin verlassen könnte, um sich zum Bundespräsidenten wählen zu lassen; gegen den populären Weizsäcker rechnete sich niemand eine Chance aus.

Anfang April traf vom ehemaligen Sozialsenator Olaf Sund die letzte Absage ein. Danach warf der 55jährige Harry Ristock, der sich bis dahin loyal zurückgehalten hatte, offiziell den Hut in den Ring. "Ich halte mich für geeignet", erklärte er lapidar. Daß dem eine lange Selbstprüfung vorangegangen war, ließ er nicht gleich erkennen. Seine Handicaps hat er selbst gesehen: zweieinhalb Jahrzehnte galt er als linker Flügelmann der Berliner SPD, und seine Zeit als Bausenator war nicht besonders erfolgreich, auch wenn Ristock dies, bei aller Selbstkritik, etwas anders sieht: "Die CDU zieht jetzt die Richtkronen auf den Gebäuden auf, für die ich den Grundstein gelegt habe."

Was hat ihn dennoch zu diesem Entschluß bewogen? "Ehrgeiz ist natürlich auch da", gibt Ristock zu, "aber er wird sublimiert durch den Stolz angesichts unzähliger Niederlagen und einiger Erfolge." Dazu kommt Angst um Berlin – "Es gibt keinen Ort, an dem ich lieber leben würde" Angst darum, daß diese Stadt sich nicht mehr aus eigener Kraft regieren kann. Die Sorge um die SPD, deren Mangel an fähigen Politikern bei der "westdeutschen Lösung" zu offenkundig geworden wäre, mag schließlich hinzugekommen sein. Dann klingt aber auch der Stolz durch, daß er, der Bauernsohn aus Seemen in der "hintersten ostpreußischen Provinz", nach dem höchsten Amt in der Stadt greift, die er künftig ganz bewußt den "westlichen Teil der Metropole der Deutschen" nennen will.

Der Mann, der wie ein erfolgreicher Bauunternehmer wirkt, jovial, gemütlich und hart arbeitend, der sich gerne einen "Ackergaul" der Partei nennen läßt, ist seit dreiunddreißig Jahren Sozialdemokrat. Nach dem Studium der Politologie und einer kurzen Zeit als Assistent wurde er Landessekretär der "Falken", war fünf Jahre kaufmännischer Angestellter bei einem Werbeunternehmen, wurde dann Bezirksstadtrat, Senatsdirektor für Schulwesen, schließlich für sechs Jahre Bausenator. Bevor noch der damalige Regierende Bürgermeister Stobbe bei einer geplanten Senatsumbildung nach der Garski-Bau-Affäre Ristock opfern konnte, trat der "aus Gründen der Selbstachtung" selber zurück. Eine Woche später brach Stobbes Senat geräuschvoll zusammen, weil ein Teil der SPD-Abgeordneten ihrem Bürgermeister die Gefolgschaft versagte.