Gemessen am Aufwand und an der öffentlichen Resonanz anläßlich dies 100. Geburtstags von Ernst Ludwig Kirchner vor drei Jahren wird dessen Freund und künstlerischer Mitstreiter in der legendären Künstlervereinigung „Brücke“ Erich Heckel in diesem Jahr eher leise, fast beiläufig geehrt. Diese Tatsache reflektiert die mittlerweile zur Lehrmeinung erstarrte Auffassung, Kirchner sei von den vier Gründungsmitgliedern dieser Gruppe der genialste gewesen, die herausragende Persönlichkeit, der künstlerische Anreger und Motor des ganzen Unternehmens. Der exzentrische Kirchner hat selber durch seine Schriften und Erinnerungen diese Version mitbegründet und durch seine „Chronik“ 1913 den formalen Anlaß zur Auflösung der „Brücke“ geliefert. Die letzte umfassende Einzelpräsentation des Werkes von Erich Heckel fand vor genau zwanzig Jahren, anläßlich seines achtzigsten Geburtstages, noch zu seinen Lebzeiten statt. Seither beschränkte sich die Rezeption auf die Periode der gemeinsamen Arbeit in Dresden und Berlin, wurde Heckel demzufolge nur im Zusammenhang des deutschen Expressionismus wahrgenommen.

Die Gründe für diese Wertung des Gesamtwerkes sind vielfältig und liegen zu einem guten Teil schon in der Periode der intensiven gemeinsamen Arbeit von Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff und Bleyl begründet, den Gründern der „Brücke“. Alle drei waren Architekturstudenten in Dresden, als Maler Autodidakten, wenn auch Kirchner eine kurze Periode des Kunststudiums in München hinter sich gebracht hatte. Während die beiden älteren, Kirchner und Bleyl, ihr Studium ordnungsgemäß abschlössen, gaben Heckel und Schmidt-Rottluff schon nach wenigen Semestern auf und wandten sich ganz der Kunst zu. Am 7. Juni 1905 gründeten die vier ihre Gruppe und ließen ein Programm erscheinen, in dem von Kunst nicht die Rede war, das dafür aber ein unmittelbares, wenn auch noch vages, suchendes Lebensgefühl ausdrückte. Der letzte Satz des kurzen Textes lautet: Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“

Die frühen Einflüsse sind bei Heckel sehr deutlich auszumachen: Vor allem van Gogh und die französische Malerei des Spätimpressionismus sind die Orientierungen des jungen Autodidakten. Die Gedenkausstellung des Folkwang-Museums in Essen setzt ein mit dem Bild „Mann in jungen Jahren“ von 1906, das ebenso wie „Putto“ aus demselben Jahr sowie zwei Arbeiten aus den beiden Jahren davor diesen übermächtigen Einfluß belegen. Betrachtet man indessen diese frühen Arbeiten im Zusammenhang der Entwicklung der kommenden Jahre, so wird bereits der gravierende Unterschied deutlich. In den Bildern Henkels – und auch denen Kirchners und Schmidts, Bleyl tritt als Maler kaum in Erscheinung – manifestiert sich wenig mehr als ein ungezügelter Ausdruckswille; Formwille und malerische Disziplin treten dahinter zurück, die Beziehungen Zu kunstgeschichtlichen Vorbildern bleiben äußerlich. Alle Brücke-Maler haben sich später mehr oder weniger von diesen ersten Arbeiten distanziert, sie waren mehr Zeugnisse des Willens der Selbstbehauptung als das Ergebnis künstlerischer Überlegungen.

Es entspricht ganz dem Charakter des wenig exzentrischen Heckel, daß dieser sich als Maler erst etwa zwei Jahre nach der Gründung in den Bildern selbst findet, die er in dem kleinen Dorf Dangast malt. Das Bild „Rote Häuser“, 1908 gemalt, wird zum ersten Höhepunkt in seinem Werk. Nun ist der eigenständige Formwille deutlich ablesbar. Die pastos aufgetragenen, kräftigen ungemischten Farben strukturieren den Bildraum, die rohe, durchscheinende Leinwand erhöht die schon im Farbauftrag manifeste Materialität. Die Bilder dieser Jahre – 1907 bis 1911 – strahlen bei Heckel, mehr als bei Kirchner, die Persönlichkeit aus, vermitteln einen Eindruck menschlicher Wärme und Wahrhaftigkeit, der mit dem Einsatz des ganzen Ich Ausdruck gegeben werden soll.

Das Nebeneinander der chronologisch gehängten Bilder bestätigt in Essen das Urteil der Kunstgeschichte über die oft ins Auge fallenden Schwankungen in der Qualität. Man mag dies auf die oft technische Unvollkommenheit dieser Maler zurückführen (die aber auch damit zusammenhängt, daß sie sich nur billiges, schlechtes Arbeitsmaterial leisten konnten), ihre „Traditionslosigkeit“, die sie beispielsweise von den französischen „Fauves“ so sehr unterscheidet, die sich bei aller revolutionären Auflehnung doch auch als Bewahrer einer malerischen Tradition fühlten.

In einem Bild aus amerikanischem Privatbesitz, das bisher kaum je ausgestellt worden ist, „Franzi mit Puppe“, gemalt 1910, verdichten sich früh Heckels auffallendste Talente, Das Bild ist ganz und gar aus farbigen Flächen konstruiert, die Linie, bei Kirchner schon frühzeitig zu einem Instrument dekorativer Bildgestaltung geworden, spielt bei Heckel eine untergeordnete Rolle, wird nur bei der Gestaltung des Mädchengesichtes, der Andeutung ihrer Gestalt eingesetzt. In dieser ausdrucksstarken Flächigkeit manifestiert sich die Erfahrung des Graphikers Heckel, vor allem des genialen Holzschneiders. Der besondere Reiz der Essener Ausstellung liegt in der Möglichkeit, das umfangreiche graphische Werk immer wieder mit den Bildern vergleichen zu können. In der Auseinandersetzung mit der „kleinen“ Form erscheint Heckel nun allerdings überhaupt nicht mehr als der Kirchner gegenüber Nachgeordnete. Seine Holzschnitte beispielsweise, darauf weist Karlheinz Gabler im Katalog hin, sind von einer Kühnheit der Form und einem technischen Erfindungsreichtum, daß man sie getrost als Anregung für die Freunde bewerten darf. Die Vergleiche mit den seinerzeit bekannten Vorbildern, etwa Münch oder Valloton, erweisen Heckel als einen Künstler, der mit großer Sicherheit seinen eigenen Weg fand und zu immer wieder fast revolutionären Einzelleistungen fähig war. Dies gilt insbesondere auch für seine Aquarelle, die in Essen eine zwar kleine, aber vorzügliche eigene Werkgruppe darstellen.

Zurückgekehrt zu den Bildern zieht Heckel uns noch einmal mit den Arbeiten der Nach-Brücke-Zeit in seinen Bann. Der Einfluß des Großstadtlebens in Berlin, wohin die „Brücke“ mittlerweile von Dresden aus umgezogen ist, macht die Unterschiedlichkeit der Temperamente augenfällig. Während der nervöse, exzentrische Kirchner direkt auf die innere Spannung der Hauptstadt reagiert, seinen Stil „großstädtisch“ verfeinert, notiert Heckel das Leiden der Menschen, spiegelt sich in seinen Arbeiten seine eigene Einsamkeit im Getriebe der Vorkriegszeit. In dem großartigen Bild „Genesende“ von 1912/13 nimmt Heckel nicht nur die später von Max Beckmann aufgenommene Triptychon-Form vorweg, er gestaltet auch eine der gültigsten und berührendsten Metaphern jener Zeit, die für den einzelnen, seine Sehnsucht nach Gemeinsamkeit und Kommunikation keinen Raum mehr bieten wird. Diesem Gefühl entspricht seine Auseinandersetzung mit der russischen Dichtung, vor allem Dostojewski, die ihren eindrucksvollen Ausdruck in dem Bild „Zwei Männer am Tisch“ gefunden hat, das leider nicht in der Ausstellung zu sehen ist. Auch ein anderes Hauptwerk, „Der gläserne Tag“, konnte nicht ausgeliehen werden, wird aber, da im Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, auf der Münchner Station der Ausstellung zu sehen sein.