Michel Tournier

Von Jörg Altwegg

Vierzig Minuten fährt die Bahn von Paris ins Chevreuse-Tal. Vom Châtelet im Stadtkern geht die Reise durch die häßliche südliche Bannmeile des roten Gürtels mit seinen proletarischen Wohnsilos, die bald kleinstbürgerlichen Pavillons im Bungalow-Stil mit 400 Quadratmetern Landumlauf Platz machen, bis nach St. Rémy hinaus, wo den Besucher eine andere Welt erwartet.

Michel Tournier steht am Bahnsteig, die unvermeidliche Wollmütze auf dem Kopf. Wie so viele französische Intellektuelle fährt er einen Golf. Unterwegs holt er sich beim Bäcker noch schnell die frischen Baguettes – nicht ganz ohne Grund gilt er bei seinen deutschen Freunden als Inkarnation des „français moyen“, des typischen Durchschnittsfranzosen. Doch bei Tournier gehört zum Savoir-vivre und zum Esprit, der zu oft nur als Klischee-Vorstellung existiert, eine gedankliche Tiefe, die sich nicht in Wortspielereien und Anzüglichkeiten äußert. Tourniers Universum ist die zeitlose Welt der Fabeln und Mythen, die er literarisch gestaltet und die auch seine alltägliche Phantasie wie Realität bevölkern. In seinem Haus, das früher als Presbyterium diente, hat er sein Bett bewußt so zum Kreuz an der Außenwand placiert, daß er sich im Schlaf wie in einer Pietà aufgehoben fühlt.

Er serviert kühlen Cidre, Apfelsaft aus der Bretagne. Paris ist in noch weitere Ferne gerückt, und alles, was aus der großen Stadt hinter den paar Hügeln kommt, erregt des Dichters Zorn: „Ich hasse Paris“, wiederholt er mehrmals, und er fährt nur noch selten, etwa zu den Zusammenkünften der Académie Goncourt und zu Auftritten in den Medien, hin. Seit einiger Zeit steht auch die Metropole auf Kriegsfuß mit ihm: Als nämlich das Wall Street Journal jüngst als Antwort auf die Unesco-Rede des Kulturministers Jack Lang, der den „kulturellen und finanziellen Imperialismus“ der Amerikaner gegeißelt hatte, eine kritische Bilanz der französischen Gegenwartskultur veröffentlichte, fand nur gerade Michel Tournier vor den strengen – tatsächlich auch ungerechten – Richtern Gnade. Mit Ausnahme seiner gelobten Literatur, die weltweit gelesen wird, wurde so ziemlich die gesamte intellektuelle und künstlerische Produktion Frankreichs für null und nichtig erklärt. Tournier hatte wochenlang darunter zu leiden, und noch immer haben ihm die Kollegen Dichter und Philosophen nur halbwegs verziehen.

Doch Michel Tourniers Ruhm kam spät – den „Erlkönig“ (Hoffmann und Campe), mit dem er schlagartig den Durchbrach schaffte, schrieb er, als er längst vierzig war: „Bis 25 dachte ich nur an die Philosophie. Auf diese Laufbahn mußte ich jedoch verzichten, weil ich mangels bestandener ‚Agregation‘ nicht an die Universität gehen konnte. Das brachte mich zu der Erkenntnis, daß ich kein Philosoph, sondern ein Romancier werden müsse. Ich wollte jedoch keine falschen, keine philosophischen Romane schreiben, aber trotzdem insgeheim meine philosophischen Waffen einsetzen. Simmel-Romane mit der Schreibmaschine von Hegel zu schreiben, das ist natürlich ein Problem. Es dauerte fünfzehn Jahre. Meine Schubladen füllten sich mit unbrauchbaren Manuskripten, und erst als ich 39 Jahre alt war, habe ich ‚Freitag oder im Schoß des Pazifik‘ vollendet, und das war meine erste Publikation. Ich bin kein geborener Romancier, das ist der Hauptgrund.“

Während dieser Zeit arbeitete er als Übersetzer und beim Rundfunk. Beide Tätigkeiten sieht er im nachhinein als überaus nützliche Schule des Schreibens. Die Direktsendungen vermittelten ihm einen ähnlichen Eindruck wie später die Ergriffenheit beim Anblick seines gedruckten Namens auf einem Buchumschlag und das Gefühl für die „kollektive Seele“ eines Massenpublikums. Dafür will er schreiben, im konventionellsten aller gehobenen Stile, in der Sprache von Flauberts Roman: „Ich schreibe für alle Leute, darunter auch Kinder. Die besten Schriftsteller sind meiner Meinung nach Leute wie Charles Perrault, La Fontaine, Hans-Christian Andersen, die Brüder Grimm, Selma Lagerlöf. Diese Autoren sind so gut, daß auch Kinder sie verstehen. Shakespeare, Balzac und Racine hingegen halte ich für zweitrangig, weil Kinder sie nicht lesen können.“ Dieser Befund muß wohl auch auf Tourniers Literatur ausgeweitet werden: Kinder dürften mit den Texten, die er nicht speziell für sie schrieb, Mühe haben.