Von Christian Schmidt-Häuer

Hans-Dietrich Genscher, bedürfte er des Trostes, kann sich am genius loci aufrichten. Sicherheit für Europa durch ein System von Konferenzen zu finden, auf denen die Großmächte ihre Aktionen konzentrieren sollten – das mißlang am Ende selbst Klemens Metternich. Auf dem einstigen Wiener Parkgelände des konservativen Friedens-Fürsten, wo heute die Bonner und die Moskauer Botschaft stehen, bemühte sich der bundesdeutsche Außenminister am Wochenende mit seinem Amtskollegen Gromyko um eine letzte konzertierte Aktion vor Stationierung der amerikanischen Mittelstreckensysteme Ende November. Doch der große Wirbel rundum legte den Stillstand im Zentrum erst richtig bloß – in der Raketen-Diskussion haben sich beide Seiten jetzt darauf versteift, Bewegung nur noch von der Gegenseite zu verlangen.

Freilich waren die beiden eingespielten Taktiker wohl auch nicht mehr ausgezogen, um Gipfeldiplomatie zu praktizieren, sondern um eine Wiener Melange für die Öffentlichkeit zu servieren. Hans-Dietrich Genscher bemühte sich, nach allen Seiten den Vorwurf zu entkräften, seine Regierung sei schon wie "ein Computer auf die Stationierung programmiert" (Prawaa). Er versuchte, die Friedensdemonstranten zu beeindrucken und die Bonner Ostpolitik vor Schaden zu bewahren. Andrej Gromyko, dem seine Kollegen Shultz und Cheysson noch kürzlich den Handschlag verweigerten, demonstrierte durch seine elfstündigen Unterredungen mit dem Bonner Vizekanzler den besonderen Umgang mit der Bundesrepublik. Er lamentierte zugleich über die "amerikanischen Kriegstreiber" und intonierte damit das Leitmotiv, das Moskau über den Marsch der Friedensbewegung setzen möchte.

Und dennoch hatte die Wiener Begegnung ihren Wert. Sie machte wieder Konturen erkennbar, die im Propaganda-Nebel der letzten Wochen verschwommen waren. Der sowjetische Außenminister verzichtete auf jene melodramatischen Drohungen und Lockungen, die zuvor allerhand fahrendes Volk aus den Moskauer Propagandazentralen in der Bundesrepublik ausgestreut hatte, um die Friedensbewegung zu lehren, wie und wo sie Schuld und Sühne zu suchen habe. Moskaus Militärsprecher Tscherwow drohte in Hamburg, falls die Amerikaner ihre Positionen in Genf nicht verändern würden, gebe es nichts mehr zu besprechen. Der sowjetische Außenminister reduzierte die Aussage seines Truppensprechers. Die Führung erwäge ernsthaft, so sagte er Genscher, ob sie die Verhandlungen fortsetzen solle oder nicht.

Samjatin, der leitende Parteimann für Auslandsinformation, und die Prawda warnten davor, daß die Stationierung der neuen amerikanischen Raketen im Widerspruch zum deutsch-sowjetischen Vertrag stehen würde (gegen den dann Moskau mit den SS-20 längst schon verstoßen hätte). Gromyko, der erst bei der Erörterung bilateraler Fragen vom Eise befreit wirkte, in das ihn seine bitter-frostigen Erklärungen zu Amerika getrieben hatten, sah wie Genscher im Moskauer Vertrag auch weiter die offenbar ungefährdete Basis der künftigen Zusammenarbeit.

Samjatin und andere Offizielle hatten nicht nur laut gedroht, sondern auch diskret alte Evergreens aufgelegt. West-Berlin könne ja vielleicht Bundesland werden, die beiden deutschen Staaten sich in einer Konföderation wiedervereinigen – wenn nur Bonn von Washington und der Stationierung abrücke. Eine Stalin-Note für den Adenauer-Enkel Kohl? Nun, Andrej Gromyko verkniff sich neben konkreten Drohungen auch derart unseriöse Lockungen. Er schenkte sich sogar die Forderung nach einem Aufschub der westlichen Nachrüstung. Damit blieb er noch realistischer als das – dank rumänischer Mitwirkung – ohnehin schon milde Kommuniqué über das Treffen der Warschauer-Pakt-Außenminister in Sofia.

Also doch ein Stationierungsbeginn ohne sibirischen Kälteeinbruch, ohne längeren Verhandlungsabbruch und ohne schweren Zusammenbruch der Bonner Ostpolitik? Wie sind die Moskauer Wechselbäder zu erklären, was will der Kreml wirklich? Kann die Bundesregierung ihre eigenständige Rolle weiterspielen – übernimmt sie sich nicht, da doch der Kampf auch um Bonn geht? Denn vieles spricht ja dafür, daß der Streit um Europas militärisches Gleichgewicht zum Schattenboxen geworden ist. Der Kreml hält derzeit das politisch-taktische Ringen für wichtiger. Er will die Amerikaner von der europäischen Matte drängen, an deren Rand sie nicht zuletzt durch Carters und Reagans- Fehlgriffe geraten sind.