Wie schön, daß sich mit Statistiken fast alles beweisen läßt: selbst die Wende

Es war wohl der Schriftsteller Gregor von Rezzori, der das „relative Hemd“ erfunden hat. Er bezeichnete damit in einer seiner Erzählungen das jeweils sauberste Hemd unter den schon benutzten. Mit diesem war er dann immer am relativ besten angezogen.

Heute wäre es wohl angebracht, in ähnlicher Form vom „relativen Aufschwung“ oder von einer relativen Besserung der Auftragseingänge, des Wirtschaftswachstums oder der Beschäftigung zu sprechen. Da könnten die Optimisten, die so lange vergeblich nach einer statistischen Grundlage für ihre Gefühle gesucht haben, endlich fündig werden.

So gab es im August und September jeweils einen relativen Abbau der Arbeitslosigkeit – nämlich verglichen mit den noch schlechteren Zahlen im Vormonat. Das wurde von Interpreten, die sich zu positiver Sicht der Dinge verpflichtet fühlen, denn auch gebührend herausgestrichen. Doch leider will diese Art der relativen Verbesserung wenig besagen. Wichtig ist nämlich nicht der Vergleich mit dem Vormonat, sondern mit der Beschäftigungslage zur gleichen Zeit in den vergangenen Jahren. Und daran gemessen war die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik noch nie so hoch wie heute – absolut und relativ.

Sehr relativ ist auch die Zunahme der Investitionstätigkeit der Unternehmen, die jetzt in zum Teil fast euphorischen Schlagzeilen gefeiert wird. Es ist zwar richtig, daß die Bundesbank feststellt, daß sich „manche Ersatzinvestitionen offenbar nicht länger hinausschieben lassen“. Und die Statistiker haben hoffentlich auch richtig gerechnet, wenn sie den Betrag der im ersten Halbjahr in Bauten und Ausrüstungen gesteckt worden ist, mit 86,5 Milliarden Mark berechnen – was dann im Vergleich zum Vorjahr einer Zunahme um 4,5 Prozent entspricht.

Aber Tatsache ist auch, daß dies kaum mehr ist, als in der gleichen Zeit im Produktionsprozeß verschlissen wurde. Werden die dafür erforderlichen Abschreibungen auf den Wert des gesamten Produktionsapparates berücksichtigt, sieht das Bild viel trister aus: Lediglich 1,5 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung wurden dann nämlich in den Ausbau der Anlagen investiert. Stoff für Schlagzeilen müßte deshalb eigentlich folgender Satz aus dem Bericht der Bundesbank liefern: „Das ist, von einer kurzen Phase nach der ersten Ölkrise 1973/74 abgesehen, die niedrigste je in der Bundesrepublik verzeichnete Quote“.

Ähnlich relativ ist es mit dem Wirtschaftswachstum. Das reale Bruttosozialprodukt ist in den ersten sechs Monaten dieses Jahres zum erstenmal seit drei Jahren wieder „deutlich gestiegen“, wie die Bundesbank anmerkt. Aber erstens ist diese deutliche Steigerung nur mit Hilfe eines Vergrößerungsglases als solche zu erkennen, denn es handelt sich um eine Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Leistung um ein Prozent. Zweitens werden dadurch nicht einmal die Einbußen der letzten Jahre wettgemacht, in denen das Bruttosozialprodukt schrumpfte.