Von Christoph Wendt

Es ist wie bei einem Suchbild: Im Meer der herbstlichen Weinstöcke, die da in Reih und Glied aus dem Ahrtal die steilen Hänge heraufmarschiert kommen und dicht besetzt sind mit rötlich und bläulich schimmernden Trauben, gilt es eine kleine rote Traube auszumachen. Eine kleine rote Traube, die nicht zum Essen da ist und die nicht gekeltert wird. Wir müssen sie nur immer wieder finden – auf Mauern, auf Pfählen, auf kleinen Tafeln am Rande der Weinberge. Denn die kleine rote gemalte Traube markiert den Rotweinwanderweg, führt uns vom Kapellenberg bei Heimersheim über Schieferlay und Kirchtürmchen, Rosenthal und Ursulinergarten, Himmelchen und Jesuitengarten, Goldkaul und Mönchsberg bis zum Übigberg bei Altenahr durch die Vielfalt der Weinlagen des Ahrtales.

Bergauf und bergab geht es dabei, über Treppen und durch Felsen und an Tausenden von Weinstöcken vorbei, wenn man dem rund 35 Kilometer langen Rotweinwanderweg durch das größte geschlossene Rotweinanbaugebiet Deutschlands folgt. Natürlich kann man über diesen Rotweinwanderweg im Frühjahr wandern, wenn an den Felshängen die wilden Kirschen blühen und der goldene Eifelginster; man kann im Sommer entlang laufen, wenn sich unter dem grünen Weinlaub die ersten kleinen Beeren zeigen. Aber die beste Zeit für eine Wanderung über den Rotweinwanderweg ist schlechthin der Herbst. Wenn vor den sonnenerhitzten Felsen über dem Tal die Trauben „reif gekocht“ sind. Wenn das Weinlaub allmählich so bunt wird wie die Wälder, die wie ein Bilderrahmen die Berge über dem Ahrtal abschließen. Und wenn unten im Tal in den kleinen Weinorten, in Heppingen oder Walporzheim, in Dernau oder in Rech, in Mayschoß oder natürlich in Altenahr der Schoppen am Mittag oder die Flasche am Abend so gut schmeckt, daß man unwillkürlich überlegt, ob man nicht noch einen Tag anhängen kann an diese Wanderung.

Es sind nur ein paar Reben, die hier und da wie verloren an den sanft geneigten Hängen stehen, als wir in Bad Bodendorf zum ersten Male unsere kleine rote Traube suchen. Dann werden es mehr, dicht an dicht stehen sie, von weitem durchaus nicht grün oder herbstlich bunt leuchtend, sondern blau, himmelblau. Und je mehr Weinstöcke in den Hängen stehen, um so intensiver leuchtet, ja strahlt das Blau. Es sind Schutznetze, die die Winzer bis zum Augenblick der Lese über die Weinstöcke gespannt haben, damit die ewig hungrigen Vögel nicht die Mühsal eines Winzerjahres zunichte machen.

Ahrweiler entpuppt sich am Abend als eine überraschend malerische Stadt. Fachwerk bestimmt das Bild der engen Gassen, die Stadtmauern stammen samt Türmen und Toren noch aus dem 13. Jahrhundert. „Der Wein sei dieser Gegend fürnehmste Nahrung“ schrieb bereits Anfang des 17. Jahrhunderts ein Stadtschreiber in das Ratsbuch von Ahrweiler. Und der Wein, vor allem natürlich der Rotwein, ist immer noch eine wichtige wirtschaftliche Grundlage der Stadt an der Ahr. Wozu natürlich auch noch der Fremdenverkehr kommt, der um so mehr zu Buche schlägt, seit vor Jahren der benachbarte Kurort Bad Neuenahr mit seinem vielbesuchten Spielkasino mit Ahrweiler zusammengeschlossen wurde.

Sollen wir den Abend beim Roulette verbringen? Oder lieber versuchen, den Geheimnissen des Ahrburgunders auf die Spur zu kommen? Wir entscheiden uns für eine kleine Weinschenke und sinnieren mit dem Wirt über den Ursprung des berühmten Rotweinflusses. Entspringt die Ahr wirklich in dem vielgenannten Keller in Blankenheim, wie heute dort noch immer werbewirksam behauptet wird? Oder haben jene recht, die da sagen, daß die Quelle ganz unauffällig im Wald liegt, wenn auch immerhin auf Blankenheimer Gemeindegebiet?

Was jedenfalls aus dem Blankenheimer Wässerchen geworden ist, wird uns am nächsten Morgen anschaulich vor Augen geführt, als wir von Ahrweiler über Dernau nach Altenahr wandern. Der Weg zieht in halber Höhe durch die Weinberge, gibt immer wieder den Blick auf das Tal frei. Aber was heißt hier Tal. Das scheint ein halbes Dutzend Täler zu sein, die da unten ineinander verschachtelt sind. Bergrücken, Felsrippen und Waldkuppen drängen und schieben sich gegeneinander und ineinander. Erst bei näherem Hinsehen können wir ausmachen, daß die Ahr sich da so ungeheuer windungsreich ins Schiefergestein hineingefressen hat.