Zehn Jahre nach der Ölpreiskrise ist die Autoindustrie gesünder als zuvor

Von Richard Gaul

Vor zehn Jahren traf es die Autofahrer wie ein Schock: Ihr Treibstoff, Benzin und Diesel, wurde plötzlich knapp; Öl, der Antrieb für die Industrien der westlichen Welt, war nicht mehr überall verfügbar, nachdem die arabischen Staaten den Ölhahn nach dem Oktober-Krieg gegen Israel zugedreht hatten.

Der Hieb saß; und er traf damals besonders die Autoindustrie. Nachdem die Kunden an den Tankstellen abgewiesen worden waren, mieden sie in den nächsten Monaten auch die Verkaufsräume der Autoverkäufer; die Branche rutschte in die schwerste Krise ihrer Nachkriegsgeschichte. 1974, im ersten Jahr nach der Ölkrise, schrumpfte die Autoproduktion in der Bundesrepublik um über 800 000 Einheiten auf nur noch 2,8 Millionen Fahrzeuge; Ende des Jahres beschäftigten die Firmen über 30 000 Menschen weniger als vor dem israelisch-arabischen Krieg. Die Auguren sagten ein Zeitalter des Mangels voraus. Das Auto werde sich nie mehr von diesem Schlag erholen, hieß es.

Und heute, zehn Jahre danach? Heute ist scheinbar alles wieder so wie vor der Krise. Die Autoindustrie ist in der Bundesrepublik unverändert eine der wichtigsten Branchen; über 1,7 Millionen Deutsche legten sich in den ersten acht Monaten dieses Jahres einen neuen Wagen zu, immerhin rund zwölf Prozent mehr als 1973, vor Beginn der Krise.

„Zwei Ölpreiskrisen hat das Automobil erfolgreich überwunden“, konnte Daimler-Benz-Chef Gerhard Prinz in diesem Jahr auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt stolz verkünden. Und für Eberhard von Kuenheim, den Vorstandsvorsitzenden von BMW, war die Ölverteuerung nur noch eine „Schreckensvision“, vergleichbar dem „Ungeheuer von Loch Ness“. – Kuenheim nannte auch gleich eine Reihe solcher Visionen: „Sie erinnern sich an die sogenannte Ölkrise, die japanische Gefahr, das Robotertrauma. Jedes dieser Themen für sich stellte die deutsche Automobilindustrie oder zumindest einzelne Unternehmen in Frage.“ Zu Unrecht, denn der BMW-Chef kommentiert weiter: „Statt dessen hat unser Industriezweig Möglichkeiten gefunden, seine Stellung weltweit auszubauen.“

Die Branche, deren Ende im Spätherbst 1973 eingeläutet schien, ist sogar noch stärker geworden. „Trotz vieler düsterer Prognosen“, wie Daimler-Benz-Chef Prinz erinnert, war die Autoindustrie „in den vergangenen Jahren der Träger des wirtschaftlichen, Wachstums“; mit Ausfuhren im Wert von 75 Milliarden Mark wurde sie sogar größter Exporteur. Und auch die Beschäftigungskrise von damals ist vergessen: Heute arbeiten rund 800 000 Menschen in den Autofabriken und bei ihren Zulieferern, das sind etwa 60 000 mehr als 1973. Selbst Carl H. Hahn, Chef des von Verlusten geplagten VW-Konzerns, nennt 1983 ein „Normaljahr“. Vor zehn Jahren, unter dem Eindruck geschlossener Tankstellen, hätte das wohl niemand zu prognostizieren gewagt.