Von Christian Graf von Krockow

Der verspätete Gast entschuldigte sich: Er sei eben erst von der Jagd zurückgekehrt. „Auf Tiere, wie ich hoffe“, meinte daraufhin der Gastgeber. Eine unsichere Hoffnung. Denn man schrieb das Jahr 1934: die Zeit nach der Röhm-„Affäre“. Gastgeber war der britische Botschafter Sir Eric Phipps; sein verspäteter Gast war der preußische Ministerpräsident, Herr der Polizei und Reichsjägermeister Hermann Göring.

Immerhin: Zum mindesten die Jagd auf Tiere entzieht sich politischer Abstempelung, trotz jener Bemerkung der Frau von Veltheim über ihren Hund, der in den Jagdwagen springt, an Görings Stiefeln schnuppert – und rasch wieder abspringt: „Er vermißt den Aasjeruch der Reaktion.“ Die Jagdleidenschaft teilte Göring, kaum zum Nachteil für die Popularität, mit seinem sozialdemokratischen Amtsvorgänger Otto Braun. Und wer pirscht heute in der Schorfheide? Zu allen Zeiten sind Menschen dem Fieber und dem Kult der Jagd verfallen, wie andere dem Spiel oder der Minne. Bei Erasmus von Rotterdam kann man im „Lob der Torheit“ – 1509 – nachlesen:

„Jeder ist um so glücklicher, je reichhaltiger nach der Meinung der Torheit seine Verrücktheit ist, nur muß er bei jenem Wahn bleiben, der uns gemäß ist. Er ist so allgemein im Schwange, daß man unter allen Menschen kaum einen finden dürfte, der jederzeit bei Sinnen wäre und nicht im Zauberbann irgendeines Wahnes stände. Wer einen Kürbis für eine Frau hält, gilt allgemein als verrückt, weil so etwas nur selten vorkommt. Wer aber auf seine Gattin, die er mit anderen teilen muß, mehr als auf Penelope schwört und sich dabei in einem glücklichen Irrtum selbst erhebt, gilt nirgendwo als verrückt, weil Ehemänner häufig in dieser Lage erscheinen. Dazu gehören auch die Jagdwütigen, denen nichts über die Tierhetze geht und die ein unglaubliches Vergnügen zu empfinden meinen, sooft sie den widerwärtigen Schall der Hörner und das Gebell der Meute hören. Fast möchte ich annehmen, daß sie die Hundelosung wie Zimtgeruch empfinden. Mit welchem Behagen wird das Wild zerlegt! Ochsen und Hammel überläßt man dem niederen Volk, Wild darf nur von einem Edelmann ausgeweidet werden. Barhäuptig kniet er auf der Erde und schneidet mit dem einzig zulässigen Waidmesser nach vorgeschriebenem Ritus andächtig bestimmte Stücke in fester Reihenfolge herunter. In stummer Bewunderung verharrt unterdessen das Jagdgefolge wie bei einer ungewöhnlich heiligen Handlung, obwohl man das Schauspiel schon mehr als tausendmal gesehen hat. Wer ein Stückchen von der Bestie kosten darf, kommt sich vollends fast geadelt vor.“

Unvordenkliches, Archaisches mag da ins Spiel kommen: Urmenschen waren Jäger, wie Knochenfunde und Höhlenzeichnungen es demonstrieren. Das dürfte abgründig in uns eingekapselt sein – und wieder und wieder aus der Tiefe aufsteigen als ein Traum von Abenteuer, Spürsinn, Mannesmut und Freiheit.

Der Verfasser, der seit 1945 keine Büchse mehr in die Hand nahm, verspürt bis heute einen Kitzel des Stolzes, wenn er aus den Augenwinkeln am Waldrand das Reh entdeckt, das der stadtstämmige Beifahrer nie zu Gesicht bekäme, wenn man ihn nicht aufmerksam machte. Archaisches: Der spanische Philosoph Ortega y Gasset hat ein bedeutendes Buch dem Thema gewidmet, das Berliner – in jenen dreißiger Jahren – beim Anblick von Wisenten so lapidar wie gewohnt kodderschnauzig in den Satz faßten: „Det sind Jörings olle Jermanen.“

Unversehens bekommt der Sachverhalt dann freilich doch eine politische Perspektive. Denn das Jagdrecht war seit je Herrschafts- und Herrenrecht, ein Privileg der wenigen gegenüber den vielen. Es wurde von „oben“ mit soviel Rücksichtslosigkeit durchgesetzt und verteidigt wie von „unten“ mit Bitterkeit quittiert, wenn der Hege des Wildes mehr Nachdruck und mehr Sorgfalt galt als einer Schonung der Saaten und Ernten. Darum war der Jagdfrevler, der Freischütz, der Wilderer immer ein heimlicher Volksheld. Und darum war untrügliches Zeichen des Aufruhrs noch stets zweierlei: der Sturm auf die Zwingburgen – unter neueren Bedingungen auf die Gefängnisse – und der Umsturz der Jagdrechte. Daß es in Frankreich einmal eine wirkliche Revolution gegeben hat, läßt sich bis heute am Gedenken an den Bastille-Sturm ebenso ablesen wie an den im Vergleich zu Deutschland so entschieden demokratisierten Jagdrechten.