Von Horst Bieber

Hinterhöfe haben die unangenehme Eigenschaft, in den Jahren der Vernachlässigung so viele Probleme anzusammeln, daß der Hauseigentümer eines Tages so erschrocken wie ratlos vor der Aufgabe steht, aufzuräumen und Ordnung zu schaffen, weil die Funken des dort aufglimmenden Schwelbrandes das eigene Haus gefährden. Insoweit ist die Bezeichnung "Hinterhof" für Mittelamerika und die Karibik sehr zutreffend: Die Region gerät Washington nur ins Blickfeld, wenn aus der Unordnung ein Brand entsteht, und die erste Reaktion erfolgt automatisch: Brände ersticken und "aufräumen". Sobald das geschehen ist, verliert Washington wieder das Interesse; die "Politik" zieht sich zurück und überläßt der "Wirtschaft" erneut das Feld.

Solche Rhythmen lassen sich seit gut hundert Jahren beobachten; der mit Kuba in die Hemisphäre hineingetragene Ost-West-Konflikt hat die Argumente und Parolen zwar nachhaltig verändert, aber das Prinzip nicht aufgehoben: Die Vormacht Nordamerika re-agiert, und dann unangemessen hart. Auf dem Höhepunkt dieser Reaktionen entstehen Pläne, wie künftig die Gründe für solche Schwelbrände, also für das Eingreifen, beseitigt werden könnten; diese Programme erleben noch die Formulierung, aber nicht mehr die Realisierung. Nur die Enttäuschung, daß wieder ein Dialog gescheitert ist, bleibt nach und fördert auf beiden Seiten den trotzigen Ärger, einander zu ignorieren.

Deswegen gehört nicht viel Mut dazu, dem jüngsten Konflikt um Nicaragua und El Salvador einen ähnlichen Verlauf zu prophezeien: In beiden Staaten wird "Ruhe einkehren", Washington wird die Region sich selbst überlassen – bis der nächste Konflikt ausbricht, weil die Ursachen der Konflikte nicht ausgeräumt werden.

Es gehört zur politischen Legende – die von lateinamerikanischen Autoren sorgsam gepflegt wird –, daß der Hauptschuldige an der Misere von "draußen" kommt, aus Europa oder den Vereinigten Staaten. Diese Schule beschreibt den Halbkontinent als Opfer, groß in der Leidensfähigkeit; schwach, weil stets bevormundet, im originellen Aufbau, voll melancholischen Stolzes auf die eigenen Werte, die unter dem Ansturm fremder Ideen und Waffen zusammengebrochen sind.

Eduardo Galeano: "Geburten. Erinnerungen an das Feuer 1"; Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 1983; 368 S., 22,80 DM.

Seit den "Offenen Adern Lateinamerikas" ist Galeano auch in Deutschland berühmt. Seine politische Haltung hat er seitdem nicht geändert; auch die "Erinnerung an das Feuer", der erste Band einer geplanten Trilogie, beschreibt den Einbruch des Fremden und Bösen. Kleine, mosaikartige Stücke, übersetzte und nacherzählte Mythen, Geschichten, Anekdoten, Entwicklungen, nach Ort und Zeit fest bestimmt, zeichnen eine fremde Welt, genannt Lateinamerika, die sich aus fast unerschöpflicher Vielfalt erst jetzt auf eine Einheit zubewegt. Galeano ist ein sprachgewaltiger Schreiber, und eine glänzende, weil schmucklos-präzise Übersetzung, die das drängende Tempo des Originals hinüberrettet, macht den Band zu einem Lesevergnügen.