Die Suche nach dem, was das Subjekt entdecken kann

Von Gisela von Wysocki

Im Jahr 1906 stellte Sigmund Freud in einem an der Wiener Universität gehaltenen Vortrag einen Vergleich zwischen dem Verbrecher und dem Hysteriker an. In beiden Fällen handele es – sich um Personen, die vor ihrer Umgebung ein Geheimnis haben. Der Unterschied sei bloß, so meinte Freud, daß der Verbrecher sein Geheimnis kenne und der Hysteriker nicht.

Dem Studium dieses Geheimnisses verdankt die Psychoanalyse ihre Hauptentdeckungen: die Universalität des Sexuellen, das Unbewußte, die Phantasie; Abwehrkonflikt und Verdrängung; Identifizierung, Übertragung. Die Namen der ersten Patientinnen, die sich mit hysterischen Symptomen in den Sprechstunden einfanden, stellen die Feldzeichen auf der wissenschaftlichen Geländekarte dar: "Emmy von M., vierzig Jahre, aus Livland"; "Miss Lucy R., dreißig Jahre"; "Katharina"; "Fräulein Elisabeth von R.". Im Umgang mit ihnen entwickelten Freud und der Wiener Arzt Josef Breuer ihre hermeneutisch-verstehenden Deutungen, das heißt, sie entdeckten das Unbewußte der Patientin als das eigentliche Subjekt des therapeutischen Prozesses.

Die Lust der Hysterikerin

Trotz dieses Fortschritts in der Erforschung des hysterischen Krankheitsbildes blieben die Versuche einer wissenschaftlichen Definition ungenügend; ihr Sinn innerhalb der Medizingeschichte variiert. Es war das Schicksal des hysteriekranken Patienten, den Mißmut und die Wut der Ärzte auf sich zu lenken: Seine vieldeutigen und nicht selten bizarren Leidenssymptome machten auf peinliche Weise die Grenzen des medizinischen Erkenntnisvermögens sichtbar. In der Mitte des 17. Jahrhunderts schreibt schon der englische Physiologe und Anatom Thomas Willis: "Wenn eine Krankheit von unbekannter Natur und verborgenem Ursprung bei einer Frau so auftritt, daß ihre Ursache nicht sichtbar wird und die therapeutische Indikation ungewiß ist, erklären wir, daß sich etwas Hysterisches irgendwie verbirgt."

  • Stavros Mentzos hatte 1980 in seinem Buch über die "Psychodynamik unbewußter Inszenierungen" vom Standpunkt des Klinikers aus die praktischen und therapeutischen Probleme dieses Kranheitsbildes beschrieben; er grenzte programmatisch den gesamten sozio-kulturellen Bereich von seinem Thema aus, um so zu dem allein "legitimen und wissenschaftlich begründeten Gebrauch" des Begriffs zu gelangen. Ganz anders die Veröffentlichung von
  • Alan Krohn, "The elusive neurosis" (Die flüchtende Neurose), die 1978 in New York erschien. In dieser Untersuchung wird zum ersten Mal darauf hingewiesen, wie nachhaltig die Geschichte der medizinischen Hysterieforschung von der Tradierung kultureller Muster, von weiblichen Feindbildern und diversen weltanschaulichen Konzepten geprägt ist.