Donaueschinger Musiktage ’83: Stockhausen, Huber, von Böse, Ensemble modern

Von Heinz Josef Herbort

Die Partitur: ein dünnes Heft im üblichen Einzelstimmen- oder Klaviernoten-Format, gedruckt im Eigenverlag, gebunden in schwarzes Glanzpapier. Es liefert im eigentlichen Notentext nur eine Stimme – eine Flöte. Siebenunddreißig Minuten lang nur eine Flöte?

Wenn das Licht im Saal erlischt, bleiben vorn auf der ganz in Schwarz ausgeschlagenen Bühne zwei große Kreisflächen hell, die wie eine Uhr die Ziffern 1 bis 12 und 13 bis 24 tragen; dazu kleine Notengruppen, hier nur ein einzelner Ton oder eine echoartige Tonkombination, dort ein chromatischer Lauf, bei Ziffer 6 auch eine weit gespannte Melodie; alles aber in komplizierten Rhythmen, mit Synkopierungen und Anbindungen, mit raffiniert unterteilten Triolen oder Gruppen von Perioden aus fünf, sieben, neun, elf oder dreizehn Tönen.

Rechts und links an den Saalseiten je drei mannshohe Podien, ebenfalls schwarz verhängt, außer diversen Mikrophonen erkennt man dort je zwei Platten, unterschiedlich groß und mit je einem Symbolpaar bemalt: zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenflügel, Gaumen und Zunge, zwei Hände, ein Gehirn – ja, auch das „Denken“ fällt unter die „Sinne“.

Wenn das Licht auch auf den beiden „Mandalas“, den Uhrenscheiben, reduziert wird, ertönt wie aus dem Nichts eine Flöte, ein unmoduliertes, ganz starr klingendes E. Während noch der Ton ausgehalten wird, zwängt sich durch die schwarze Bühnenwand zunächst das silberne Instrument, dann das Gesicht der Musikerin, und im Licht ihres Scheinwerfers gleicht Kathinka Pasveer fast einer der Göttinnen im Sanjusangendo-Tempel von Kyoto. Der Einzelton belebt sich pulsartig bis zu einem schnellen Vibrato, weitet sich dann aus zu einer schnellen Tonfolge und fast schon hektischer Bewegung, sammelt sich wieder: diese ersten Takte bilden einen „Salut“.

Mit ihm begrüßt Kathinka die Seelen. Kathinka – die holländische Künstlerin lieferte mit ihrem Namen das Konzept für ein Stück, für eine Szene aus einer Oper: Kat – Cat, ist die Tiergestalt dieser Oper; Think – bedenke!; A – Alpha, den Anfang, den Ursprung. Kathinka singt mit Flöte und Stimme. Kathinkas Gesang bildet die zweite Szene der Oper „Samstag“ aus der Sieben-Tage-Komposition „Licht“ von Karlheinz Stockhausen. Bei den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen war Kathinkas Flötenspiel einer der Höhepunkte.