Ein Herr im grauen Zweireiher steht in Mailand an der Bushaltestelle. Er liest den Corriere della Sera. Als er die letzte Seite umblättert, fällt sein Blick auf die Mülltonne neben ihm. Darin steckt das Konkurrenzblatt Il Giornale vom gleichen Tag. Der feine Herr wirft vorsichtige Blicke nach rechts und links. Dann läßt er den Corriere in den Abfallkorb gleiten, angelt sich mit der gleichen Bewegung das Giornale heraus und liest weiter, als ob nichts geschehen wäre.

Kann er, der Bankmanager, sich etwa keine zweite Zeitung leisten? Ist dieser Mann vielleicht gar arm? Die Frage ist in Italien nicht leicht zu beantworten. Was zum Beispiel ist mit den vielen chromglitzernden BMWs und Alfas, die in den engen Gassen von Neapel vor den "Bassi" parken, den traditionellen Arme-Leute-Wohnungen dieser Stadt, bei denen man zu ebener Erde in Kochtopf und Schlafzimmer blicken kann? Das statistische Durchschnittseinkommen der "Bassi"-Familien betrug 1979 nicht mehr als 150 Mark im Monat. Doch das sind die offiziellen Zahlen. Schein und Sein liegen eher auseinander. Man muß zumindest hinzusetzen, daß Fiat-Chef Giovanni Agnelli kürzlich den Beitrag der Schattenwirtschaft auf ein Viertel des italienischen Sozialproduktes schätzte. Die Italiener verfügen nach diesen und anderen Schätzungen über erheblich mehr Einkommen, als die offizielle Statistik weiß.

Aber auch diese Untergrundeinkommen sind nicht gleichmäßig verteilt. Es gibt tatsächlich Gelegenheitsarbeiter, Pensionierte, Studenten, Arbeitslose, die sich mit weniger als dem Existenzminimum durchschlagen. Die Armutsgrenze ist dabei nicht die Sozialpension, die 700 000 Italiener vom Staat erhalten. Von diesen 180 000 Lire Mindestpension im Monat, das sind 300 Mark, kann eine Familie sicher nicht leben. Als arm wird nach dem internationalen Standardbegriff vielmehr die Durchschnittsfamilie bezeichnet, die aus zwei Personen besteht und so viel oder weniger Geld zur Verfügung hat, wie eine einzelne Person im Durchschnitt für Konsumzwecke ausgibt. Das waren 1982 für Italien 366 799 Lire, umgerechnet 623,52 Mark. Legt man diesen Begriff zugrunde, dann sind zehn Prozent aller Italiener arm.

Geographisch ist diese Armut ungleich verteilt. Von hundert Familien, die nach dem internationalen Standardbegriff arm sind, leben 38 in Nord- und Mittelitalien und 62 im Süden des Landes. Umgekehrt wohnen 68 Prozent der Italiener im Norden und im Zentrum. Die offizielle Armut konzentriert sich also auf den Mezzogiorno.

Allerdings muß man hier wieder einschränken. Das Leben im Süden ist billiger: Heizung entfällt für den größten Teil des Jahres, viele landwirtschaftliche Produkte kosten weniger, fast jeder hat seinen eigenen Garten, die Mieten sind niedrig. Außerdem leben in Italien 63,2 Prozent aller Familien, die eine Pension beziehen, im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung, zahlen also überhaupt keine Miete. Wer in Mailand mit tausend Mark Monatseinkommen im bitteren Elend lebt, kann unter günstigen Umständen in den Abruzzen fast wie ein Scheich residieren.