Nürnberg

Immer wieder, wenn Joaquin Aguirre Beguiristain den amtlichen Bescheid liest, muß er ratlos den Kopf schütteln: „Der Einbürgerungsantrag von Herrn Joaquin Aguirre Beguiristain vom 30.12.1982 wird abgelehnt“, steht da. Der Spanier darf nicht Deutscher werden, so die Begründung, „weil die Sicherheitsbehörden Herrn Aguirre Beguiristain für einen ausländischen Extremisten halten“.

23 Jahre hat Joaquin Aguirre in der Bundesrepublik verbracht, mehr als die Hälfte seines Lebens. Als der 45jährige seine Heimat verließ, entsprang dies nicht nur dem Drang eines jungen Mannes, etwas von der Welt zu sehen. Ebenso entscheidend war sein Wunsch, „in einem freien Land zu leben“. Aguirre stammt aus dem Baskenland, dessen Volk seit Generationen um Unabhängigkeit kämpft und insbesondere unter der Franco-Diktatur brutal unterdrückt wurde.

In Nürnberg fand der Spanier neue Freunde und Arbeit. Seit 19 Jahren arbeitet er bei derselben Maschinenbaufirma, deren Betriebsrat er über zehn Jahren angehört. Vor fünf Jahren wurde er in den Nürnberger Ausländerbeirat gewählt und ist heute dessen stellvertretender Vorsitzender. Der Ausländerbeirat erteilt Empfehlungen an Stadtrat und Verwaltung in Sachen Ausländerpolitik. Außerdem ist Aguirre aktives Mitglied in der IG Metall.

Die Bundesrepublik betrachtet der Spanier mittlerweile als seine Heimat. Lebensstil und Kultur dieses Landes gefallen ihm, und in der Umgebung, in der er lebt, fühlt er sich wohl. Da er als Ausländer jedoch mehr Pflichten als Rechte hat, entschloß er sich, Deutscher zu werden. „Ich möchte hier aktiv in der Gesellschaft mitwirken“, sagt Aguirre in nahezu akzentfreiem Deutsch. Außerdem, dachte er, würde die deutschen Behörden so viel Integrationsbereitschaft freuen. Ende 1982 beantragte er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Doch lange Zeit hörte Aguirre erst mal nichts. Ein knappes halbes Jahr später teilte die Bezirksregierung von Mittelfranken in Ansbach als Einbürgerungsbehörde mit: „Ein staatliches Interesse an Ihrer Einbürgerung ist ... zu verneinen“, eben weil er als „ausländischer Extremist bekanntgeworden“ sei. Im Falle einer förmlichen Ablehnung sei „mit einer Gebühr von 1477,– DM“ zu rechnen. „Wir empfehlen Ihnen deshalb“, endete das Schreiben, „Ihren Einbürgerungsantrag zurückzunehmen, da wir bei Rücknahme des Antrags die Gebühr ermäßigen können.“

Doch Joaquin Aguirre denkt nicht daran. Er ist sich keiner Schuld bewußt. Natürlich, sagt er, habe er bei Gewerkschaftskundgebungen gegen die Diktatur in Spanien demonstriert und bei Maifeiern Grußworte an seine spanischen Landsleute gesprochen. Auch habe er schon mal Unterschriften gegen den Vietnamkrieg geleistet und an Ostermärschen teilgenommen. Und er kennt, naheliegenderweise, viele Basken, die in der ETA aktiv sind oder ihr nahestehen. Die baskische Separatistenorganisation erregte internationales Aufsehen mit blutigen Terroranschlägen in Spanien. Aguirre selbst, der Gewalt verabscheut und an Anti-Kriegsdemonstrationen teilnahm, hatte mit der ETA jedoch nie etwas zu tun. Für möglich hält es der Spanier, daß er mit seinem jüngeren Bruder Sxavier verwechselt wird, der in der Bundesrepublik studierte, heute als Lehrer in Spanien arbeitet und mit der ETA sympathisiert.