In leuchtenden Farben malen Wissenschaftler seit Jahren die Pflanzen der Zukunft an die Wand: Sie gedeihen selbst auf den ärmsten Äckern der Welt, wehren Krankheiten und Schädlinge ab, trotzen Streßfaktoren wie klirrender Kälte, Trockenheit oder Salzwasser und holen sich gleichzeitig eigenständig ihren Stickstoffdünger aus der Luft. Der Mensch, so geht die Vision, beschränkt sich auf das Ernten.

Nicht verlegen, solch gewagte Prognosen zu Papier zu bringen, hatten Gen-Ingenieure doch bislang gewisse Schwierigkeiten, wenn es darum ging, die phantastische Theorie in die Praxis umzusetzen. Was experimentell an Bakterien und tierischen Zellen keine großen Schwierigkeiten mehr bereitet, wollte bei Pflanzen nicht gelingen – in die Gewächse ließ sich kein genetisches Fremdmaterial implantieren.

Mit ersten Erfolgsmeldungen konnte sich dieses Jahr Professor Jeff Schell vom Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung an die wissenschaftliche Öffentlichkeit wagen: Schells Mitarbeiter hatten Tabakpflanzen ein bakterielles Gen aufgezwungen. Diese neue Erbinformation bescherte den Tabakpflanzen eine für Bakterien nicht ungewöhnliche, für Pflanzen jedoch total untypische Eigenschaft: Tabaca nicotiana wurde resistent gegen das Antibiotikum Chloramphenicol.

Der Trick, mit dem Schells Forscherteam an die Arbeit ging, ist nicht gerade neu. Die Wissenschaftler bedienten sich nämlich eines Naturtalents, das die genetische Manipulation seit Urzeiten beherrscht. Agrobacterium tumefaciens, eine allgegenwärtige Mikrobe aus dem Erdreich, überspringt die Grenzen herkömmlicher Evolution, indem es Erbinformation zwischen völlig artfremden, nicht kreuzungsfähigen Organismen hin- und herschleust.

Im natürlichen Normalfall beschränkt sich das Bakterium darauf, Pflanzen mit knollig wuchernden Tumoren, sogenannten Wurzelhalsgallen, zu infizieren. Über eine verletzte Stelle des Wurzelsystems dringt der unscheinbare Bodenbewohner in die Pflanze ein und drückt der infizierten Zelle seinen eigenen Stempel – sprich seine eigenen Gene – auf: Ein Teil der Bakterien-Erbmasse nistet sich in den pflanzlichen Zellkern ein. Das hat zur Folge, daß der pflanzliche Stoffwechsel jetzt bevorzugt Nährstoffe produziert, die ausschließlich dem Bakterium dienen.

Bereits vor zehn Jahren hatten Schells Kollegen an der Reichsuniversität im belgischen Gent gezeigt, daß der eigentliche Krankheitserreger des Agrobakteriums ein winziges, mobiles Stückchen Erbinformation ist, Ti-Plasmid genannt. Es lebt frei in der Bakterienzelle – und es läßt sich im Labor isolieren.

1982 entschärfte ein neunköpfiges Team aus Gent, Brüssel und Köln gemeinsam das gefährliche Ti-Plasmid und funktionierte es zu einem eleganten gentechnischen Werkzeug um: Der Teil des Plasmid-Moleküls, der die Tumoren auslöst, wurde biochemisch entfernt. Der verbliebene Rest war zu einem Vektor – einem genetischen Vehikel – ohne Aufgabenbereich degradiert. Allerdings nur vorübergehend. Dort, wo ursprünglich das Infektionsgen gebunden war, sollte nach dem Willen der Wissenschaftler jetzt ein neues Gen-Schnipsel mit "nutzbringender" Erbinformation plaziert werden.