Von Dietrich Strothmann

Die Geschichte ist erfunden: Der Bewerber für einen Posten beim Internationalen Währungsfonds soll getestet werden. Zu diesem Zweck werden ihm die jüngsten ökonomischen Daten eines hochverschuldeten Landes vorgelegt. In der Rolle des Finanzministers soll er einen realistischen Ausweg aus der Krise vorschlagen. Sein Resümee lautet: auswandern! Die Daten stammten aus Israel. Die Geschichte könnte sich tatsächlich so zugetragen haben.

Denn tatsächlich steckt Israel in seiner bisher schärfsten Wirtschaftskrise, die manche Experten sogar bereits mit dem Wort „Katastrophe“ belegen. Und tatsächlich mußte der für dieses Chaos verantwortliche Finanzminister Joram Aridor letzte Woche seinen Hut nehmen. Geschichten werden manchmal wahr, gerade in Israel.

Der andere Mitschuldige an diesem Desaster freilich, Menachem Begin, hält sich nach wie vor in seinem Haus verborgen. Ende August hatte er, deprimiert über die Folgen seines Libanon-Abenteuers und den Tod seiner Frau, seinen Rücktritt als Ministerpräsident erklärt. Nahezu 44 Tage hatte es dann gedauert, bis der Nachfolger Jitzhak Schamir sein 20-Mann-Kabinett vorstellen konnte – das alte Begin-Kabinett, mit einer einzigen Ausnahme. Doch kaum war Schamir mit einer hauchdünnen Mehrheit (60 gegen 58 Stimmen) in der Knesset, dem israelischen Parlament, bestätigt worden, ging auch schon der Ärger los.

Erst beschloß die Regierung die Abwertung des Schekel, der israelischen Währung, um 23, die Streichung der Unterstützungszahlungen für Grundnahrungsmittel um 50 Prozent; sodann setzte ein Wettlauf der unsicher gewordenen Israelis auf Banken und Supermärkte ein, um Devisen und Lebensmittel zu horten. Schließlich wurde ruchbar, daß Minister Aridor – dem Premier Schamir noch kurz zuvor sein „volles Vertrauen“ bekundet hatte – den Dollar als Zweitwährung einführen wollte, was den vorübergehenden Ausverkauf an Devisen und die Schließung der Börse zur Folge hatte. Zuletzt mußte der glücklose Finanzminister seinen Stuhl räumen. Zu alledem aber verharrte der Hauptverantwortliche, Menachem Begin, in seinem „dröhnenden Schweigen“.

Wie er sich öffentlich nicht zu dem schlimmen Ausgang der Invasion in den Libanon geäußert hat – wo fast 520 Israelis gefallen sind und 3000 verwundet wurden –, wie er sich auch nicht an der Knesset-Wahl seines Nachfolgers beteiligte, so nahm er auch nicht die Verantwortung für die ökonomische Talfahrt auf sich, die ab 1977 ein rasantes Tempo angenommen hatte. Die Inflationsrate ist in diesen Jahren von rund 48 auf nahezu 160 Prozent hochgeschnellt, die Auslandsschulden sind von 35 auf fast 70 Milliarden Mark angestiegen, so daß Israel inzwischen mit einer Pro-Kopf-Schuldenquote von annähernd 16 000 Mark an der Weltspitze liegt. Das haben die Israelis in erster Linie der Mißwirtschaft unter Begins Regiment zu danken, der von der Ökonomie so wenig verstand wie vom Militär, obwohl er vermeinte, beides lenken zu können.

So ließ er es während der Wahlkampagne 1981 geschehen, daß für „Luxusgüter“, wie Farbfernseher, Videogeräten und Autos, die Steuern erheblich reduziert wurden (heute fährt jeder achte Israeli einen Wagen, besitzen 120 000 Haushalte einen Videoapparat). Der Libanon-Krieg verschlingt seit zwei Jahren täglich 2,6 Millionen Mark (zuzüglich die über 100 000 Millionen Mark für die neuen Befestigungsanlagen am Awali-Fluß). In den besetzten Gebieten werden für neue Siedlungen jährlich beinahe zwei Milliarden Mark verpulvert. Und das alles bei einem Handelsdefizit von gegenwärtig 6,4 Milliarden Mark und Auslandsschulden von insgesamt weit über 56 Milliarden Mark (zum Jahresende), bei einem Gesamthaushalt in Höhe von 62,4 Milliarden, von denen allein ein Viertel für Militärausgaben veranschlagt werden muß. Noch eine Schreckenszahl, die das schier aussichtslose Dilemma der israelischen Wirtschaft veranschaulicht: Soviel wie Jerusalem jährlich von den Vereinigten Staaten an Hilfsgeldern erhält, soviel muß es für seinen Schuldendienst erbringen – 5,7 Milliarden Mark.