Das war ein seltsamer Geburtstag, der der IBA am Wochenende bereitet wurde – der in Berlin bespöttelten (und von seiner Presse ignorierten), in der Bundesrepublik neugierig beobachteten, im Ausland bewunderten Internationalen Bau-Ausstellung. In einer Anhörung, zu der der Bezirk Kreuzberg, wo sich die IBA hauptsächlich und leibhaftig ereignet, gerufen hatte, ist drei Tage lang ihre Arbeit beschrieben und ihre Zukunft beschworen worden.

Inzwischen wird sie seit ziemlich genau vier Jahren vorbereitet: mit dem sechsten Senator, dem sechsten Geschäftsführer, der dritten Berliner Regierung, dem zweiten Bezirksamt. Ihre Anfänge waren von personellen Querelen vergiftet, ihre Konstitution durch Halbherzigkeiten geschwächt. Ein wegen angeblicher Mißwirtschaft eingesetzter Senatsbeamter praktizierte sie erst richtig und wurde gefeuert. Seitdem wurde über die Abschaffung der IBA-GmbH geredet, vor einem Jahr hat sie das Abgeordnetenhaus vollzogen. Am 31. Juli 1984, gerade dann, wenn ihre ersten hoffnungsfrohen Ergebnisse dem internationalen Publikum vorgeführt werden sollen, gibt es die Institution nicht mehr. Unruhe breitet sich aus unter den Mitarbeitern der IBA über die Zukunft ihres einzigartigen Versuchs, die Innenstadt wieder bewohnbar zu machen: Das ist das Thema der IBA. Endet die Anstrengung in provinziellem Kleinmut? Wird sie fortgesetzt? Und wie?

Derjenige, der darauf eine Antwort geben muß, hatte sich um die Chance gedrückt, sich dabei helfen zu lassen: Der neue Bau-Senator Klaus Franke (Nachfolger Ulrich Rastemborskis, der nicht zuletzt an der IBA-Unwilligkeit des Senats zerbrochen ist) hatte das Hearing gemieden. Er ließ nur wissen, daß er mit seiner "Entscheidungsfindung" noch nicht zu Ende sei; man hörte, daß er um die Gründung einer Nachfolge-Organisation bemüht sei. Er hat Martin Kirchner, einen im Metier der behutsamen Stadterneuerung erfahrenen Hamburger Architekten, mit einem Gutachten darüber beauftragt. Der schlägt eine Entwicklungsgesellschaft vor, die von der Verwaltung relativ unabhängig agieren, mehr Kompetenzen haben, rechtlich klarer gesichert sein soll. Doch ist sie nicht für alle drei Kreuzberger IBA-Gebiete konzipiert, sondern nur für eines. Es läßt politischen Hintersinn erkennen: teilen und herrschen.

Die IBA-Leute schmerzt vor allem die inhaltliche Einbuße, die dadurch verursacht würde. Man könne, sagen sie, zusammenhängende Probleme nur komplex lösen, sie seien auch geographisch "vernetzt". Kreuzberg behutsam zu erneuern, heiße nicht nur, Häuser instandsetzen, zu modernisieren oder neu zu bauen, sondern auch, es zusammen mit den Bewohnern zu tun, sie obendrein mit Einrichtungen zu versorgen, an denen in Kreuzberg ein katastrophaler Mangel herrscht: Kindertagesstätten, Freizeiteinrichtungen, Gärten. Es heiße auch, die "Kreuzberger Mischung" von Wohnen und Arbeiten zu erhalten, mehr, das Gewerbe dafür zu gewinnen, also Arbeits- und Ausbildungsplätze zu schaffen – lauter lebenswichtige Anstrengungen in einem Gebiet, das mehr arme Leute, Ausländer, Arbeits- und Obdachlose beherbergt als jeder andere Berliner Bezirk.

Dessen eingedenk, können einem die Augen übergehen vor all dem, was den IBA-Leuten jetzt schön geglückt ist: Resignation verwandelt sich in Hoffnung, der Stadtteil hellt sich auf. Es regt sich wieder Stolz auf Kreuzberg, das lange ein Synonym für Untergang war. wie verständlich, daß sie alle um den zarten Erfolg bangen. "Wir sind", sagte einer, "den ständigen Wandel leid, gebt uns endlich Kontinuität!" Den Auflösungsbeschluß des Abgeordnetenhauses zu erfüllen, sei einfach: Es brauchte aus 1984 nur 1987 zu machen.

Die IBA in ihrer jetzigen Beschaffenheit ist schwer zu ersetzen, ihr Personal an Kenntnisreichtum, an Erfahrung im Umgang mit Menschen, an Einfühlungsvermögen und Durchsetzungsgeschick kaum zu übertreffen. "Die IBA", hörte ich, "das sind Maulwürfe, die wühlen sich durch": Sie dürfen wenig, aber sie machen fast alles, sie haben durch die Kraft des Faktischen unerwartete Aufgaben entdeckt und sich Rechte erstritten. Mangelnde Kompetenzen haben ihre Phantasie mobilisiert. Eigentlich sollte die Bauverwaltung des Senats ihre Mitarbeiter bei der IBA hospitieren lassen – es gibt kein besseres Trainingscamp.

Sollte der Senator indessen so schwach sein, den starken Mann zu spielen, sollte er den Konsens suchen, die IBA-Berater Kleihues und Hämer, die Gutachter Kirchner und von Einem in Klausur schicken und den Bezirk, um den es doch geht, stärker beteiligen – und die IBA vor den Fängen der eifersüchtigen Verwaltung, gegen die zu löcken doch zu ihren Aufgaben gehört, schützen. Der fünfte Geburtstag nächstes Jahr könnte dann auf den achten hoffen lassen – zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987. Manfred Sack