In Bayern gibt es eine Institution, die in ihrer Gewichtigkeit gleich nach König Ludwig und noch vor Franz Josef Strauß kommt: der Stammtisch. Da wird über Heiner Geißlers Hammerwürfe genauso diskutiert wie über der Eintrittspreise für das gemeindeeigene Schwimmbad, über die Tatsache, daß „de Maria vom Oberbauern mit am Zigeina...“, wie über die Frage „Kommt da Russ oda kommt die Pörsching?“ Und um den „Russ“ geht es auch in dieser Ge-„Kommt die vor drei Jahren in dem kleinen bayerischen Denkendorf im Altmühltal bei Eichstätt begann. Genauer gesagt, um die Denkendorfsche Beziehung zum „Russ“. Am Stammtisch wurde eine Idee geboren. Diese Idee hieß: Denkendorf ist, warum auch – bittschön – nicht, die wurde Partnerstadt von Moskau.

Im Oktober 1980 wienerten die Musiker der Denkendorfer Trachtenkapelle ihre Instrumente, wichsten die Lederhosen, Buchten 80 Plätze in der Aeroflot-Maschine München/Moskau und flogen mit 300 Liter Freibier (das von der Sowjet-Airline kostenlos transportiert wurde) und den Ortshonoratioren in die Kreml-Stadt. Dort beglückten sie in dem Stadtviertel Krasnaja Presnja dessen Bürgermeister und Bürger mit frischgezapftem Freibier samt bayerischer Volksmusik und Schuhplattler und eroberten im Sturm die Moskauer Herzen.

Einige Zeit später in Denkendorf: Mitten in die Stammtischrunde platzt die Meldung, der Bürgermeister des Moskauer Stadtviertels Bürgermeister werde in wenigen Stunden hier zum Gegenbesuch eintreffen. Klar: Jubel, Hektik. Wohin mit dem Gast aus Halbsibirien? Und die Kernframit dem sich der Bürgermeister an den Stammtisch setzen oder nicht? Doch schließlich siegt die Freundschaft, der Bürgermeister darf, und nach diesem Besuch kommt der nächste Besuch.

Nun wäre die Geschichte zu Ende, hätte damals, beim ersten Besuch der Moskauer in Denkendorf, nicht gerade Gerhard Polt in dieser Wirtschaft ein oder zwei Bier getrunken. Für Polt, bundesweit bekannt für ätzend Bayerisches (ZEIT Nr. 1/83), war klar: Das ist eine Geschichte.

Vor gut zwei Wochen fuhren die Denkendorfer Trachtler wieder nach Moskau, diesmal in Begleitung eines Kamerateams und Gerhard Polts, und natürlich bewehrt mit zehn Fässern Freibier.

Nahe dem Roten Platz zapften sie ein Faß an und schenkten staunenden Sowjets Freibier aus in Maßkrügen, auf denen von Polt eigenhändig aufgeklebt „Atomkraft nein danke“ prangte. Die Trachtenkapelle spielte im Kulturzentrum des Stadtviertels; die Moskauer waren begeistert, obwohl die meisten Musiker mindestens ebensoviel vom Wodka probiert hatten wie die Russen vom Freibier.

Freischank auch auf dem Lenin-Hügel, dem Wallfahrtsort aller Moskauer Hochzeitspaare. Prompt spielten die Denkendorfer dort einem frisch vermählten Pärchen auf, das Freibier löste die Zungen und Sprachprobleme. Selbst die Miliz wagte nicht einzuschreiten angesichts soviel völkerverbindender Fröhlichkeit. Die Soldaten mit dem roten Stern auf der Mütze dachten wohl allesamt, das Spektakel müsse von oben genehmigt sein. Doch die Bayern marschierten einfach nur überall hin und benahmen sich wie zu Hause.