Von Dieter Buhl

Die politischen Meteorologen haben bisher mit ihren Vorhersagen falsch gelegen. Nicht Straßenkrawalle und Scherbenklirren, sondern Gebete und Gesänge bestimmten die Kundgebungen der Anti-Raketen-Saison. Bleibt uns der heiße Herbst erspart? Wenn das Ende der Aktionswoche hielte, was ihr Anfang versprach, bestünde ein erster Anlaß zum Aufatmen. Dann hätte sich die so gründlich geprobte Haltung der beiden Seiten, die Gelassenheit der staatlichen Sicherheitskräfte wie die maßvolle Beharrlichkeit der Friedensbewegung, zunächst einmal ausgezahlt.

Der beruhigende Auftakt des Demonstrations-Herbstes gibt jedoch kein Signal zur endgültigen Entwarnung. Gegen voreilige Genugtuung spricht die Logik der Friedenskampagne. Je näher die Nachrüstung rückt, desto mehr werden die Friedfertigen resignieren oder in die Isolierung geraten. Je aussichtsloser der Kampf gegen die Aufstellung der Raketen, desto mehr könnten die Radikalen sich Gehör verschaffen. An Gewaltpotential fehlt es nicht. Die sogenannten Autonomen schmähen schon jetzt die "Standleitungs-Mittelständler" unter den Demonstranten, die, um des inneren Friedens willen, den Draht zur Polizei nicht kappen. Falls sie wirklich "dort zuschlagen, wo der Staat es nicht erwartet", stünde noch einiges bevor.

Welche Unruhe unter der friedlichen Oberfläche herrscht, beweisen auch die Pläne anderer Gruppierungen. So will sich die Hamburger GAL nicht länger mit der gewaltlosen Einkreisung militärischer Einrichtungen begnügen; sie hat zum Wochenende zur Blockade des Springer-Verlages aufgerufen. Damit bläst sie nicht nur zu einem gefährlichen Angriff auf die Pressefreiheit, sie droht auch den Konsens der Friedensbewegung zu zerstören.

Mit deren Einigkeit steht es ohnehin nicht zum Besten. Nach dem ausdauernden Friedensengagement macht sich Erschöpfung breit. Auch der Wildwuchs der Aktivitäten zeitigt Folgen. Das wurde sichtbar, als zum Auftakt der Friedenswoche nur halb soviel Menschen erschienen wie bei den gleichzeitig ausgetragenen Spielen der Fußball-Bundesliga. Verwirrung stellt sich ein, wenn mit Friedensketten, Friedensfasten und Friedensstafetten operiert wird, wenn Verkleidung, Spielzeuggaben und Kochtopfgeklapper als Demonstrationswaffen dienen. Zum politischen Happening scheint es dann nicht mehr weit.

Noch beeindruckt die Ernsthaftigkeit der Demonstranten mehr als das Blickeheischen. Die Suche nach dem "Ideal des Friedens", wie Hermann Hesse das Objekt uralter Sehnsucht beschrieb, verdient allemal Respekt. Nur zwingt der Friedensdrang besonders vor der neuen Kundgebungswoge dazu, die Utopie noch einmal an der Wirklichkeit zu messen, das Nein zur Nachrüstung mit allen seinen Konsequenzen zu bedenken. Denn im (wenn auch unwahrscheinlichen) Fall des Raketenstopps kämen viele Fragen auf:

  • Wie wäre es um die Glaubwürdigkeit und den außenpolitischen Handlungsspielraum der Bundesregierung bestellt, wenn sie ihr Wort nicht hielte?
  • Welche Brüche bekäme das Fundament unserer Sicherheit, das Bündnis, wenn die Nato gegen den Willen der meisten Allianzmitglieder ihre Doppelstrategie aufgeben müßte?
  • Welche Belastungen drohten den deutsch-amerikanischen Beziehungen, wenn die Bundesregierung von ihrem Versprechen abrückte?
  • Wie wirkte sich das sowjetische Monopol bei den Mittelstreckenraketen auf dem europäischen Kontinent in einer politischen Krise aus?
  • Was bliebe von dem Instrument der Rüstungskontrolle, wenn der Westen die Verdreifachung der SS-20-Raketen während der vergangenen vier Jahre auch noch durch einseitige Vorleistung honorierte?