Von Gabriele Venzky

Seoul im Oktober

Noch vor zwei Wochen schien sich Professor Hahm Pyong Choon reichlich überheblich zu äußern, als er mit sorgenvoller Stimme erklärte: "Die Regierung ist sich völlig darüber im klaren, daß viele, vor allem die Intellektuellen, mit unserem politischen System nicht zufrieden sind. Aber die Leute wissen, daß sie im Interesse von Stabilität und Sicherheit Einschränkungen hinnehmen müssen". Die südkoreanische Realität strafte seinen Optimismus Lügen: Der Herausgeber eines verbotenen Studenten-Magazins, der sich am Abend zuvor in einer dampfenden Bulgogi-Kneipe mitten in Seoul heftig über die Regierung beklagt hatte, war nicht der einzige, der – nach einem vorsichtigen Blick über die Schulter – der Kritik freien Lauf gelassen hatte: Dissidenten – zum Schweigen gebracht; das handverlesene Parlament. – ein Hohn für die Demokratie.

Heute, nach dem Bombenattentat von Rangun, ist der selbe Student, der noch wenige Tage zuvor mit leuchtenden Augen berichtete, wieviel "trotz des allgegenwärtigen Geheimdienstes" im Untergrund los sei, bereit, sein Gewehr in die Hand zu nehmen, "um mich an den Nord-Koreanern zu rächen. Dafür habe ich schließlich Jahr für Jahr mein Reserve-Training gemacht." So wie er denken viele, wenn nicht die meisten Südkoreaner. Der Abschuß der südkoreanischen Linienmaschine vor sechs Wochen war noch mit einer geballten Faust in der Tasche hingenommen worden. Aber das Bombenattentat in der burmesischen Hauptstadt, bei dem 17 Südkoreaner ums Leben kamen, darunter vier Kabinettsmitglieder und die engsten Berater des Präsidenten Chun Doo Hwan, hat die gesamte Bevölkerung mobilisiert. Denn für Südkorea steht fest, wer der Verantwortliche ist: Nordkorea. Wohl noch nie seit der Machtübernahme Chuns vor drei Jahren hat das Volk so geschlossen hinter dem Präsidenten gestanden. Noch nie sind die Worte des Professors Hahm so wahr gewesen, fast könnte man sie prophetisch nennen.

Denn der Professor ist eines der Opfer von Rangun. Er war der wohl wichtigste politische Berater des Präsidenten Chun. Harvard, südkoreanischer Botschafter in Washington, Professor für politische Wissenschaften in Seoul, dann Einzug ins Zentrum der Macht, ins blaue Haus gleich neben dem Präsidenten waren die wichtigsten Stufen in der steilen Karriere Hahms, dem man eine große Zukunft voraussagte. Wenige Tage vor seinem Tod empfing er die ZEIT zu einem seiner seltenen Interviews.

Hahm repräsentierte am besten den Typ des weltläufigen, ehrgeizigen, aber auch anpassungsfähigen Intellektuellen, mit denen Chun sich zunehmend umgab. Vor allem verschaffte er dem Ex-General, der vor drei Jahren den Volksaufstand in Kwangju blutig niederschlagen ließ und dabei über tausend Tote in Kauf nahm, ein neues Image, indem er ihm beibrachte, bis zu welchem Punkt sich die Schraube drehen läßt. "Wir müssen den Leuten Frieden und Zufriedenheit bescheren, damit sie sich dem Wirtschaftswachstum widmen können."

Was die Südkoreaner tatsächlich emsig tun. Selbst die aufmüpfigen Studenten geben zu, daß es weitaus schlimmere Diktaturen gibt als die südkoreanische. "Wir Koreaner machen uns gern ein schönes Leben und vergessen darüber die Politik." Und ein Minister sagt ohne Bedenken: "Solange der Lebensstandard wächst, gibt es keine Revolution. Menschenrechte? Einen Krieg zu verhindern – das bedeutet die Sicherung von Menschenrechten in Südkorea. Denn wenn es hier zu Auseinandersetzungen kommt, dann investiert niemand, und die Wirtschaft wächst nicht mehr. Das wäre das Schlimmste für unsere Bevölkerung."