Mössingen

Bauunternehmer Werner Eisel aus Echterdingen verstand die Welt nicht mehr. „Lauter handverlesene Leute“ hatte er auf seine Baustelle im schwäbischen Mössingen geholt, und jetzt sollen sie, laut Beschluß des Gemeinderates, Ende November wieder verschwinden. Niemand hatte an der Qualität ihrer Arbeit etwas auszusetzen. Selbst nicht, als ruchbar wurde, daß es sich dabei um eine 15köpfige Baukolonne aus der DDR handelte.

Sächsische Laute hatten frühmorgens den Architekten stutzen lassen, und danach stellte sich schnell heraus: Die Firma „Blessing und Eisel“, für 1,1 Millionen Mark mit einer Schulerweiterung beauftragt, hatte die DDR-Facharbeiter engagiert. Grundlage hierfür war ihr das „Dienstleistungsabkommen über den innerdeutschen Wirtschaftsverkehr“ vom 3. Januar 1983.

Das trug Eisel unter anderem den Vorwurf ein, er habe nur deshalb als billigster Anbieter den Auftrag erhalten, weil er mit den DDR-Arbeitern viele Nebenkosten (Winterbauzulage, Berufsgenossenschaft, Sozialkasse in Wiesbaden) einsparen konnte. Sie machen mindestens sieben Prozent der Lohnkosten aus. Das sei unlautere Konkurrenz, die nun laut Gemeinderatsbeschluß durch firmeneigene Kräfte ersetzt werden muß.

Mössingen bangt um seinen guten Ruf. War doch der ortsansässige Bauunternehmer Richard Flammer erst im Juli zu zwei Jahren Gefängnis mit Bewährung, einer Geldbuße und Schadenersatz in Millionenhöhe verurteilt worden, weil er es „versäumt“ hatte, für ausländische Leiharbeiter Versicherungsbeiträge zu entrichten. Daß es sich diesmal um deutsche Leiharbeiter handelte, bewog die Stadträte dann allerdings, die Frist relativ großzügig zu bemessen.

Im Gegensatz zur örtlichen Handwerkerkonkurrenz fand Heinz Arnold, Sprecher des Fachverbandes Bau in Stuttgart, an der DDR-Präsenz nichts Verwerfliches. Daß es nämlich im Land der Häuslebauer keine arbeitslosen Baufacharbeiter mehr gibt, mag zwar manchem’Schwaben als gottgewollt im christdemokratisch regierten Musterstaat erscheinen, den Bauunternehmern aber bricht darüber der Schweiß aus den Poren. Während sich in Norddeutschland bis zu 15 Stellungslose um einen freien Platz am Bau drängeln, ist der badenwürttembergische Bau-Arbeitsmarkt wie leergefegt. Handwerkskammer und Arbeitsamt bestätigen das.

Die IG Bau zieht jedoch daraus andere Schlüsse: Schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne (Stundenverdienst eines Facharbeiters derzeit 13,32 Mark) hätten viele Bauarbeiter abwandern lassen: „Wahrscheinlich arbeiten bei Mercedes in Sindelfingen 20 Prozent aus der Baubranche“, meinen die Gewerkschafter.