Als am Heiligen Abend 1982 die Glocken der kleinen Dorfkirche im badischen Jöhlingen die Gläubigen zur Christvesper riefen, lehnte sich Pfarrer Rehr bequem in den Sessel zurück und begann in der Zeitung zu blättern. Seine Weihnachtspredigt, die fertig auf dem Schreibtisch lag, hatte er in diesem Jahr umsonst ausgearbeitet; auch sein Talar sollte in den nächsten Tagen unbenutzt am Schrank hängen bleiben. So recht genießen konnte Pfarrer Rehr die ungewohnte Weihnachtsruhe allerdings nicht. Diese Pause war ihm am Tag zuvor per Telephon von der Kirchenleitung verordnet worden. Kirche und Amtsräume, so lautete die unfrohe Weihnachtsbotschaft, solle er so lange nicht mehr betreten, bis die Angelegenheit bereinigt sei.

Die "Angelegenheit" stand gerade in der Küche und bereitete das Essen vor: Pfarrer Rehrs Freundin. Sie war im Sommer ins Pfarrhaus eingezogen. Zur Würde einer kirchlichen "Angelegenheit" hatte sie es dadurch gebracht, daß sie mit dem Pfarrer das traute Heim ohne Trauschein teilte. Der Kirchengemeinderat hatte es zunächst mit Gleichmut hingenommen, als Pfarrer Rehr ihm berichtete, bis zur Heirat im kommenden Frühjahr werde er mit seiner Freundin im Pfarrhaus zusammenwohnen "Einfach ist es nicht", meinte ein Gemeinderat, "aber wir können denen das doch nicht einfach verbieten! Und wenn sie sowieso bald heiraten - es ist halt doch heute vieles anders als früher!"

Auch der Dekan, den Pfarrer Rehr als Dienstvorgesetzten informierte, wiegte nur bedenklich den Kopf. Einen Anlaß zu irgendwelchen dienstlichen Maßnahmen sah er nicht. Erst die Kirchenleitung nahm Anstoß: Sie schickte eine Kommission nach Jöhlingen, die Pfarrer Rehr bewegen sollte, möglichst rasch zu heiraten. Als die Abgesandten unverrichteterdinge wieder nach Karlsruhe zurückkehrten, klingelte beim Pfarrer das Telephon: Zwangsurlaub bis auf weiteres.

Man kann sich die Argumente unschwer vorstellen, die zu diesem Schritt geführt haben Über Jahrhunderte hinweg hat die Kirche die Institution Ehe gehütet. Auch m den letzten zwanzig Jahren, als das traditionelle Bild der Ehe als Inbegriff zwischenmenschlicher Gemeinschaft ins Wanken geriet, war die Kirche nicht zu erschüttern. Obwohl die meisten Brautpaare, die zum Pfarrer kommen, meist schon seit längerer Zeit ohne Trauschein zusammenwohnen, müssen die Pfarrer selbst ihre eigenen Schritte zur Ehe in wohlgeordneter Reihenfolge setzen. Erst kommt die Verlobung (mit Anzeige an die Kirchenleitung), daraufhin geht man zum Standesamt, schreitet zum Altar und setzt erst dann den Fuß über die Schwelle des Pfarrhauses.

Das alles gilt noch, obwohl die theologische Wissenschaft es längst besser weiß: Die Ehe selbst ist durchaus geschichtlichen Wandlungen unterworfen, es gibt keine Offenbarung einer ewigen Eheordnung, weder im Alten noch im Neuen Testament.

Schon in den ersten Jahren der Reformation haben Kirchenleitungen darauf geachtet, daß die Pfarrer in den Gemeinden ein Vorbild an christlicher Ehemoral abgeben. Aus den Aufzeichnungen einiger landesherrlicher Kirchenkommissionen spricht diese Sorge. Man zog von Dorf zu Dorf und hatte es auf Geistliche abgesehen, die "greulicherweise mit einer Maid" zusammenlebten Über den lutherischen Prädikanten Sebastian Franck berichtet im Jahr 1527 der Amtmann mit dürren Worten: "Hat ein Eheweib. Hält sich wohl!" Womit wohl allen wesentlichen Pflichten Genüge getan war. Das evangelische Pfarrhaus wurde tatsächlich zum Vorbild.

Seit ein oder zwei Jahrzehnten beginnt dieses Vorbild abzubröckeln. Deutlich und rascher als in anderen Berufen steigt unter den Geistlichen die Scheidungsrate. Junge Pfarrer wollen, daß die Partnerschaften ohne Trauschein nicht länger kirchlich diskriminiert werden. Der Basler Neutestamentler Heinrich Baltensweiler möchte gar unverheiratete Paare kirchlich segnen. In einer Kirchenzeitung stellte er zu Beginn dieses Jahres die aufsehenerregende Frage: "Dürfen wir denjenigen Menschen aen Segen verweigern, die versuchen, vom Evangelium her eine Partnerschaft neu aufzubauen?"