Von Anna von Münchhausen

Ließe sich ein besseres Pseudonym finden für eine kleine Stadt im grünen Winkel? Eine andere so exemplarische Bezeichnung für versteckte Be- und Überschaulichkeit, Idylle und gemächlichen Rhythmus? Tatsächlich – der Name ist gewissermaßen gleichzeitig Programm: Eichstätt.

Annäherung durch Überblick, das ist eine bewährte Methode, sich vertraut zu machen mit Unbekanntem. Hinauf auf die Willibaldsburg also, die da so selbstbewußt und strahlendweiß den von der Altmühl umflossenen Höhenrücken besetzt hält.

Der Horizont ist nicht weit, in zwei bis drei Kilometer Entfernung setzen ihm die Hügelketten zu beiden Seiten unverrückbare Grenzen. Dazwischen breitet sich ein sanftkupiertes Tableau aus, das an die beruhigende Wirkung vom Pausenbild im Fernsehen erinnert: freundlich hingetupft die Pappeln, Ebereschen, Buchen, das rotbunte Vieh und an den Hängen die für das Altmühltal so typischen Wacholderbüsche, stramm wie die Soldaten, und breit dazwischen gelagert das barocke Augustinerstift Rebdorf.

Nach Nordosten hin schaut die Burg herab auf die Physiognomie der alten Stadt, deren Silhouette gleichsam ihre Visitenkarte ist: Eichstätt ist eine geistliche Stadt, und folgerichtig bestimmen die vielen Kirchtürme das Bild. – der Dom hat gleich zwei aufzuweisen, mit Kupferhelmen, und selbst das Rathaus tarnt sich als Sakralbau. Am gegenüberliegenden Berghang, Logensitz für viel Eichstätter Prominenz, hängt auch schon die nächste Abtei.

Superlative verkehren in Eichstätt leicht ihre Vorzeichen: Die Stadt ist Sitz der kleinsten Diözese der Bundesrepublik. Oben, unten, rechts und links hat hier seinen zugewiesenen Ort, und seit der Spiegel vor einigen Wochen den SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Weinhofer, Bonner Hinterbänkler aus Eichstätt, in seinem Ringen mit Engeln und Teufeln so ausführlich porträtierte, weiß man auch anderswo von der Ordnung der Dinge hier.

Wie die Dinge früher, ganz früher lagen oder besser sich falteten, davon legt das Jura-Museum oben auf der Burg Zeugnis ab. Die vom langen Leerstehen schwer mitgenommenen Räume hat der renommierte und einfallsreiche Baumeister des Bischofs, der Architekt Karljosef Schattner, neu gestaltet und geschickt den veränderten Bedürfnissen angepaßt. Gezeigt werden die ebenso wunderlichen wie berühmten Fossilienabdrucke der Solnhofener Plattenkalke, darunter auch der Generationen von Schülern aus dem Biologie-Buch vertraute seltsame Vogel Archäopterix. Vom Ende der Jurazeit berichtet auch mit dramaturgisch raffinierter Farbigkeit der Führer – von "dem armen Jäger seinen kleinen Waffen", mit denen er sich, mutig genug, dem als Knochengerüst gleichfalls anwesenden Mammut in den Weg stellte.