Von Ulrich Schmidt

Hamburg

Die Gegend hinter dem Bahnhof Altona zählt nicht gerade zu den feinsten von Hamburg. Wer erhobenen Hauptes durch die engen, düsteren Straßen geht, tritt leicht in Hundehäufchen. Vereinsamte Alte, verwahrloste Junge und kinderreiche Türkenfamilien wohnen hier. Ein Arme-Leute-Viertel, heute wie vor hundert Jahren, als hier die Hinterhof-Fabriken entstanden: Fischräuchereien, Tabakmanufakturen, Metall- und Glasindustrie.

Eine dieser Fabriken ist erst vor wenigen Jahren aufgegeben worden. Die Gebäude und die Höfe machen den Eindruck einer Trümmerlandschaft von entmutigender Traurigkeit. In solchen Fällen heißt es gewöhnlich: Ran mit Birne und Bagger! – Weg mit dem Schutt! Platz schaffen für profitable Komfortwohnblocks! Um ein Haar wäre es auch hier so gekommen. Aber eines Tages hockte da auf einem der Flachdächer an der Kante mit baumelnden Beinen eine überlebensgroße Puppe, und das hieß: Hier kommt wieder Leben rein!

„Rund 30 Gruppen aus der alternativen Szene Hamburgs haben die alte ‚Dralle‘-Fabrik in Hamburg-Ottensen gepachtet, um sich dort Arbeits- und Lebensmöglichkeiten zu schaffen: Dritte-Welt-Gruppen, Handwerkskollektive, politische Initiativen und interessierte Einzelpersonen. Sie wollen nichthierarchische Arbeitsformen, sinnvolle Arbeitsinhalte verwirklichen und durch ihre Öffentlichkeitsarbeit politische Veränderungen bewirken.“ So liest es sich in einer Broschüre. Ihr Titel bezeichnet zugleich das auf dem Fabrikgelände geplante Vorhaben: „Werkhof“.

Die Wünsche vieler junger Leute mit Zukunftsvorstellungen gehen in diese Richtung. Sie wollen heraus aus Entfremdung und Isolation, sie wollen „gemeinsam arbeiten und leben“ – so das Werkhof-Motto – und sie lassen sich nicht abschrecken durch noch so ungünstige Startbedingungen. Arme-Leute-Viertel und verlassene Fabrikhöfe sind für sie Freiräume, in denen sich neue Lebensformen am ehesten entwickeln können.

In einem Gutachten mißt Professor Heinrich Dauber (Gesamthochschule Kassel) dem Werkhof-Konzept „internationale Bedeutung“ bei. Im gemeinsamen Wirken der verschiedenen Gruppen seien drei Arten des Lernens zu gleicher Zeit möglich: soziales, ökumenisches und ökologisches.