Von Heidi Schumacher

Natürlich umgeben hohe Mauern das Gefängnis, aber nur der elektrische Stacheldraht läßt erahnen, was sich dahinter verbirgt. Denn Mauern haben Tradition in China. Einst hielten sie die bösen Geister fern und dämpften die Wucht der Sandstürme. Sie gehören auch heute noch zum Straßenbild in den meisten Wohngebieten, umgeben die Kaiserpaläste in der Verbotenen Stadt ebenso wie jede „Einheit“, also Wohnblock, Fabrik oder Krankenhaus. Und folglich unterscheidet sich das Gefängnis zunächst einmal kaum von den anderen Häusern des Stadtbezirks.

Auch das Besuchsritual gleicht dem in anderen Einrichtungen. Adrette, weißgekleidete Gefängniswärter geleiten uns durch einen blumenbepflanzten Innenhof in den Empfangsraum, man reicht uns heiße feuchte Tücher zur Erfrischung und natürlich Tee. Die Herren Rin Li Cheng und Li Hei Gi, Direktor der eine, Führungskader der andere, beginnen mit ihrem „briefing“. Es ist zunächst wohltuend sachlich: keine politischen Parolen, keine Lobpreisungen auf die unsterblichen Leistungen von Partei und Regierung, man spricht ohne Schnörkel, aber mit gelassenem Stolz.

Die Gebäude stammen vermutlich aus dem 19. Jahrhundert, wurden dann von der nationalistischen Bewegung Kuomintang benutzt und schließlich 1949 in das Eigentum der Volksrepublik China überführt. Heute sind hier 1900 Gefangene inhaftiert, davon 110 Frauen. Die meisten verbüßen lange Haftstrafen.

„Wir machen hier neue Menschen aus den Kriminellen. Harte Arbeit, politische und ideologische Erziehung führen dazu, daß sie ihre Verbrechen einsehen und ihre Haltung verändern. Wenn sie die Wichtigkeit der Parteilinie erkannt haben, steht ihnen eine helle Zukunft bevor.“ Li Hei Gi beschreibt das Vollzugsprogramm. Praktisch bedeutet es: Acht Stunden am Tag arbeiten die Häftlinge in einer der beiden Gefängnisfabriken, sie stricken Socken oder gießen Plastiksandalen. Lohn bekommen sie nicht. Zwei Stunden studieren sie offizielle Schriften und Dokumente, eine Stunde dürfen sie sich erholen. Aber auch Filme, Fernsehen, Bücher und Sport dienen der moralischen Erziehung.

Scheue Blicke streifen uns auf dem Rundgang. Zu dieser Stunde, es ist elf Uhr vormittags, sind die Gefangenen an ihren Arbeitsplätzen. Die Produktionsanlagen unterscheiden sich in nichts von denen anderer Fabriken draußen, nur die Wärter verändern das Bild. Und natürlich die kahlgeschorenen Köpfe der Gefangenen. Sie sehen aus wie halbe Kinder, und später bestätigt Li Hei Gi diesen Eindruck: 50 bis 60 Prozent der Gefangenen sind unter 25 Jahre alt. Und er ergänzt: Die meisten stammten aus guten Familien, aber seien durch bürgerliche Ideen vergiftet. Die Delikte: Diebereien, Raub, Vergewaltigungen, einige Morde. „Es ist sehr schwierig, diese jungen Leute zu erziehen, man braucht Geduld und gute Vorbilder“, sagt der Direktor. „Die meisten sind straffällig geworden, ohne zu wissen, was sie taten. In der Kulturrevolution ist unser ganzes Rechtssystem schwer beschädigt worden. Jetzt müssen wir versuchen, das Bewußtsein von Recht und Unrecht wiederherzustellen.“

Die Zellentrakte sind leer, die Räume geputzt und aufgeräumt. Der äußere Eindruck ist erstaunlich freundlich. Anders als in deutschen Gefängnissen sind alle Räume ebenerdig angeordnet, schon das Geräusch ist anders, wenn man durch die Gänge läuft. Man poltert keine Eisentreppen herauf und herunter, niemand klappert mit schweren Schlüsselbunden. Alle Zellen stehen offen, die Flure laufen sternförmig auf einen runden Kontrollraum zu, in dem ein einzelner Wärter eine Zigarette raucht.