Der neue Vorsitzende der IG Druck will eine breite Gewerkschaftsfront mobilisieren

Sicherlich wäre er lieber Vorsitzender einer Gewerkschaft mit dem monströsen Namen „IG Medien und Kultur / Druck und Papier, Publizistik, Rundfunk, Film, Kunst“ geworden. Doch diese Gewerkschaft gibt es noch nicht. Bisher ist sie für Erwin Ferlemann, den neuen Vorsitzenden der IG Druck und Papier, nur ein Ziel, auf das er allerdings energisch hinarbeitet, um es bis 1985 zu erreichen. Denn dann, so Ferlemann, „kommt die zweite Welle der Elektronik“.

Wenn vom nächsten Jahr an der Bildschirmtext über die Fernsehgeräte flimmert, wenn künftig das elektronische Angebot der Versandhändler über TV die Kataloge überflüssig macht, wenn Bank- und Börsengeschäfte per Knopfdruck vom heimischen Sofa aus getätigt werden können, dann soll es für die IG Druck nicht ein zweites Mal heißen: „Wir haben zu spät reagiert.“ Dann reicht allerdings auch die traditionelle Basis der Gewerkschaft, die Gilde der Drucker und Setzer allein nicht mehr aus, um Antworten auf die Herausforderung der neuen Kommunikationstechnik zu finden; dann sollen alle in den verschiedenen Medien Tätigen gemeinsam gewerkschaftlich handeln.

Leonhard Mahlein, der nach fünfzehn Jahren an der Spitze der IG Druck auf dem Nürnberger Gewerkschaftstag seinen Abschied nahm, ein von der Pieke auf gelernter Buchdrucker von altem Schrot und Korn, Meister der schwarzen Kunst – „Loni“ Mahlein hat lange Zeit die Vorstellung verdrängt, daß die Elektronik die Berufe der Drucker und Setzer vernichten könnte, daß gerade in der Druckbranche der Umbruch so eklatant wie in keiner anderen Branche sein werde. Als Erwin Ferlemann 1968 seine erste Studie über „Druckindustrie und Elektronik“ veröffentlichte und darin die Konsequenzen der Umstellung voraussagte, handelte er sich damit noch den Spott ein, ein „elektronischer Phantast“ zu sein oder wurde als „Totengräber der Maschinensetzer“ beschimpft. So traditionsreiche und hochqualifizierte Berufe wie Drucker und Setzer könnten doch nicht einfach aussterben, dachten die Betroffenen damals.

Die Folge solch traditionalistischen Denkens war, daß der sogenannte RTS-Vertrag, mit dem die IG Druck 1978 die Arbeitsbedingungen an den elektronischen Lichtsatzsystemen regelte, bei den Gewerkschaften denn auch nicht als Musterbeispiel tarifpolitischer Absicherung gilt. Aber selbst dieser nicht befriedigende Vertrag, der ein rücksichtsloses Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen in den Zeitungsverlagen verhindern sollte, mußte erst erstreikt werden.

Für den neuen IG-Druck-Vorsitzenden ist es ein Alptraum, sich die mögliche weitere Entwicklung bei Zeitungsverlagen vorzustellen, die Entwicklung zum RR-System beispielsweise. Das ist ein System, bei dem zwischen Redaktion und Rotationsmaschinen nur noch elektronische Anlagen aber keine Menschen mehr arbeiten. Ein solches System verändert die Arbeitsbedingungen der Redaktionen genauso wie die des technischen Personals.

„Wir sind für die neue Technologie“, betont der Gewerkschaftsführer, allerdings mit dem wichtigen Nachsatz: „Wenn sie sozial beherrschbar bleibt.“ Sollten die Arbeitgeber den zweiten Halbsatz nicht beachten, so werden sie auf Widerstand stoßen wie 1978.