Sartre verspottete ihn zum 50. Geburtstag als „den 100jährigen“ – aber als er am Montag im Alter von 78 Jahren beim Verlassen des Pariser Justiz-Palastes starb, war er ein junger Mann: Raymond Aron, Mitschüler von Jean-Paul Sartre und Paul Nizan an der Elite-Schule Ecole Normale Superieure, mit de Gaulle London-Emigrant im Zweiten Weltkrieg und von 1946 bis 1947, als Herausgeber des Combat in Paris, Vorgänger von Albert Camus.

Der von Max Weber beeinflußte Denker und Schriftsteller, der sich selber gerne als Nachfahr von Montesquieu und Tocqueville sah, schrieb die legendäre Links-Warnung „Opium der Intellektuellen“, aber auch die Abmahnung nach rechts „Die algerische Tragödie“. Französische Politik – ob die zu schwache gegen Hitler oder die zu schwärmerische Mitterrands – war stets der Antrieb zu seinen pointiert-bissigen Kommentaren, in den letzten Jahren im L’Express. In die Rechts-Außen-Ecke jedoch mochte der bis zuletzt temperamentvoll Unbequeme sich nicht drängen lassen: Das letzte Interview, das er gab (ZEIT Nr. 19/82), überschrieb er: „Ich bin kein Gralshüter der Reaktion.“ FJR