Was ist in den Kisten drin?“ So frisch und direkt werden selbst in der Fragestunde des Bundestages selten Fragen gestellt wie in diesem Fall von dem Abgeordneten der Grünen, Milan Horacek, an den Parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Peter-Kurt Würzbach. Milan Horacek hat so seine Vermutungen über den Inhalt der Kisten. Er nimmt an, darin befinde sich das Streitobjekt, von dem der ganze „heiße Herbst“ handelt.

Gemeint sind Kisten, die auf dem Gelände der US-Armee in Frankfurt-Hausen gesehen und gefilmt worden sind. Zeitweise trugen sie die Aufschriften „Pershing Modification Team“ und „Pershing Cylinder Assembly“. Später soll diese Aufschrift geschwärzt worden sein. Hinter Horaceks Frage steckt ein Politikum: wenn sich nämlich Pershing-II-Raketen oder -Raketenteile bereits vor der Bundestagsentscheidung am 21. November oder vor dem Ende der Genfer Verhandlungen in der Bundesrepublik befanden, was hätte das Parlament dann noch zu sagen und was machen die Verhandlungen für Sinn?

Zunächst läßt Peter-Kurt Würzbach, von Kopf bis Fuß Staatsgewalt, den grünen Abgeordneten kühl abblitzen. Das Gelände in Frankfurt, von dem die Rede ist, sei eine logistische Einrichtung der amerikanischen Streitkräfte, und rechtlich gesehen könnten die Deutschen den Amerikanern dort auch nicht hineinreden. Im übrigen würden vor dem 21. November weder Pershing-Raketen noch Marschflugkörper stationiert. Verstanden?

Horacek, immer noch ohne klare Antwort auf den Inhalt der Kisten und offensichtlich verdutzt über die Tonlage, in welcher die Regierung Auskünfte gibt: „Was tun die MAN-Lastzüge mit den Aggregaten, über die ein Schlosser in der ‚Hessen-Schau‘ berichtet hat, daß die Umrüstung in den mobilen Werkstätten von der Pershing I auf Pershing II schon längst passiert ist?“ Würzbach: „Herr Kollege, vielleicht sind wir uns einig, daß Raketen Raketen und Lastwagen Lastwagen sind und daß Lastwagen keine Raketen sind.“

Aber wie kommt es dann zu der Aufschrift „Pershing“ auf den Kisten? Würzbach: „Da es so ist, wie ich gesagt habe, trete ich mit Ihnen nicht in Spekulationen über das Überstreichen von irgendwelchen Aufschriften ein.“

Noch immer stehen die Fragesteller nicht stramm. Gabi Gottwald von den Grünen: „Sind etwa nicht zum Raketensystem gehörende Teile in den Kisten?“ Erst da bequemt sich der Befragte einzuräumen, daß er weiß, was in den Kisten drin ist. Die Firma, welche die Pershing-Raketen baue, liefere eben auch „bestimmte Dinge“ im Bereich der Elektronik und der Infrastruktur, die für diese Raketen notwendig sind: also vielleicht nicht Raketenteile, aber Teile für das Raketensystem.

Die Kisten mit den Raketen, die zu den Kisten in Frankfurt gehören, stehen nach der jüngsten Meldung der Washington Post wohlverpackt und abflugbereit in den Vereinigten Staaten.