Von Dieter Hildebrandt

"Spoiler statt Störenfried"

Man liest wieder Auto, man fährt wieder Buch – mit diesem gar nicht so paradoxen Satz läßt sich die Frankfurter Buchmesse 1983 resümieren. Der Gute Stern der Automobil-Messe schien noch über dem Frankfurter Messegelände, das Styling warf noch einen Abglanz auf die Büchermacher, und es wurde deutlich, daß der Spoiler für die nächste Zeit den Störenfried und Spielverderber ersetzen will. Es war die 35. Buchmesse in Frankfurt (seit deren provisorischer Premiere im Jahre 1949). Es war mit annähernd 300 000 Titeln wieder einmal die größte, aber es war auch die erste "in diesem unserem Land", und man merkte es ihr an.

Die Frankfurter Buchmesse ist ja nicht zuerst Bücherschau, Verlegertreff, Lizenzenmarkt (und schon längst nicht mehr Bestell-, kaum noch Nachbestell-Messe) – sie ist Gesellschafts-Seismograph, politisches Stimmungsbarometer. Sie sagt deutlicher als Wahlen oder Demonstrationen, Warnstreiks und Kundgebungen, was Sache ist in westdeutschen Geistern, Gustos und Gemütern. Und dieser Buchherbst 1983 zeigte – entwaffnet und entwaffnend – ein großes Harmoniebedüifnis, das von links bis in die konservative Ecke reicht. Einen Freundlichkeitsbedarf, eine Geruhsamkeitslust wie nie zuvor. Das war nicht nur eine Friedensdemonstration, das war auch eine Friedensfeier. Es erwies sich, daß neben der Aufrüstung und der Nachrüstung auch die Entrüstung praktisch verpönt ist.

"Das kann doch nicht wahr sein!"

Der die Harmonie am ehesten störte, war ihr eigentlicher Fürsprecher, nein besser, Verkörperer: Helmut Kohl wurde bei seinem Rundgang über die Messe förmlich, wenn auch nicht gerade handgreiflich, "angenommen". Er bewegte sich durch das Literatur-Labyrinth wie der typische Besucher. Er sieht den Wald vor Bäumen nicht, das Buch nicht vor lauter Kojen. Weiß nicht, ob er vorbeischwirren oder Einblick nehmen soll, schwankt zwischen lesen und blättern, zwischen Lektüre und Schwatz – aber der Kanzler machte in seiner körperlichen Übermacht das Dilemma doppelt deutlich, will sagen: keine gute Figur. Am Stand von Wunderlich war er sichtlich erleichtert, auf einen bekannten Namen zu stoßen – Theodor Heuss –, aber auf die nächste Position ging er ebenso ein: dort gab es Crêpes, als Werbung für Kochbücher. "Das kann doch nicht wahr sein!" rief mehr enttäuscht als aggressiv eine junge Buchhändlerin in die Szene. Die härtere Konfrontation hatte der Kanzler da schon hinter sich: Einer unter den linken Verlegern hatte ihm ein "Kohl raus!" nachgerufen, und der Kanzler hatte nach einigem Erröten und Besinnen repliziert: Er könne langgehen, wo er wolle. Ein Kanzler zum Anfassen. Kaum einer will es. Aber seine Harmonie (ist es denn seine?) teilen sie fast alle.

"Salonstücke"